Einmal mehr spielte sich in Berlin am Montag ein Politkrimi mit lange Zeit unklarem Ausgang ab. Weit nach 22 Uhr vermeldeten die Newsportale: Einigung im Asylstreit. Und: Horst Seehofer wolle Innenminister bleiben. «Wir haben uns geeinigt», verkündete der 68-Jährige. Er sei froh, dass dieser Kompromiss gelungen sei. «Es hat sich wieder einmal gezeigt: Es lohnt sich, für eine Überzeugung zu kämpfen. Und das, was jetzt folgt, ist eine für die Zukunft sehr haltbare und klare Übereinkunft.» Dann fügte Seehofer hinzu: «Die Einigung entspricht in allen drei Punkten meiner Vorstellung.»

Den Kompromiss wollten CDU und CSU erst später vorstellen, via Onlinemedien sickerte durch, dass sich die Kanzlerin und ihr Innenminister offenbar darauf verständigt haben, sogenannte «Transitzentren» für Asylsuchende einzurichten. In diesen abgeschlossenen Zentren sollten Asylsuchende untergebracht und ihre Gesuche im Schnellverfahren geprüft werden – ähnlich dem «Flughafen-Verfahren». Solche Transitzentren wurden bereits 2015 vorgeschlagen, damals aber von der mitregierenden SPD abgelehnt. Die SPD zeigte sich offenbar aber nun damit einverstanden, hiess es in ersten Medienberichten.

«Lasse mich nicht entlassen»

Wie dem auch sei: Zuvor deutete wenig auf einen Verbleib Seehofers in Merkels Kabinett hin. Selbst Parteifreunde in der CSU irritierte der Innenminister, als er in der «Süddeutschen Zeitung» gegen die Kanzlerin gewettert hatte: «Ich lasse mich nicht von einer Kanzlerin entlassen, die nur wegen mir Kanzlerin ist», sagte der 68-Jährige, bevor er nach Berlin zu Gesprächen mit Merkel aufbrach. Er echauffierte sich auch über seine persönliche «Situation», die für ihn «unvorstellbar» sei. Dann feuerte er gleich noch eine Verbalattacke gegen die 63-jährige Regierungschefin: «Die Person, der ich in den Sattel verholfen habe, wirf mich raus.» Zudem deutete er an, dass er für sich keine Möglichkeit für einen Kompromiss mit Merkel sieht: «Ich müsste mich verbiegen.»

Seehofer hat mit seinen Worten unverblümt deutlich gemacht, dass er nicht nur persönlich gekränkt ist, sondern dass er die Auseinandersetzung in dem Asylstreit mit der CDU-Vorsitzenden auch als persönlichen Machtkampf sieht. Eine persönliche Fehde gewissermassen, welche die Republik und ein Stück weit auch Europa in Atem hält. Bis spät am Abend tagten CDU und CSU, um doch noch irgendwie aus der misslichen Lage zu finden, mit einem Kompromiss im Asylstreit.

Dass Seehofer nun im Amt bleibt, ist eine faustdicke Überraschung – und für die Grosse Koalition möglicherweise eine Bürde. Seehofer und Merkel liegen seit Herbst 2015 in der Migrationspolitik im Clinch. Zuletzt drang ein Zitat Seehofers über Merkel an die Öffentlichkeit, das zwar nie bestätigt, aber auch nie dementiert worden ist. «Ich kann mit der Frau nicht mehr arbeiten», soll Seehofer über die Kanzlerin kürzlich gelästert haben. Auch die Brüsseler Verhandlungsergebnisse, mit denen die Kanzlerin am Freitag nach Berlin zurückgekehrt war, zerpflückte der Ingolstädter. Die Ergebnisse seien «abenteuerlich».

Die Frage stellt sich inzwischen, wie weit die Kanzlerin nach der jüngsten Eskalation ihrem Innenminister noch vertraut. Das Vertrauen zwischen den beiden, auch zwischen der CDU und der CSU, ist massiv gestört. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) nahm sich die beiden Streithähne Merkel und Seehofer am späten Nachmittag in Berlin persönlich zur Brust und redete den beiden ins Gewissen. Über den Inhalt der Aussprache drang bislang nichts an die Öffentlichkeit. Offenbar waren Schäubles Worte aber heilsam.

«Wir sind kompromissbereit»

Durch den gefundenen Kompromiss wurden heikle politische Spiele vorderhand verhindert. Ein Bruch der Unionsfraktion hätte möglicherweise zum Bruch der Regierung und zu riskanten Neuwahlen mit Zugewinnen für Pol-Parteien geführt. Diesen Weg der Eskalation wollte die Union trotz der äusserst zugespitzten Lage offenbar mit allen Mitteln verhindern. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, zuvor ein Verfechter einer kompromisslosen Linie der Kanzlerin gegenüber, zeigte sich am Nachmittag überraschend versöhnlich. «Wir sind zu Kompromissen bereit, um zu einer Lösung in der Sachfrage zu kommen», sagte der 51-Jährige. Einen Bruch der Fraktion strebe seine Partei nicht an. «Die Stabilität der Regierung steht für uns nicht infrage. Auch ein Aufkündigen der Fraktionsgemeinschaft ist nicht der richtige Weg. Man kann in einer Regierung viel erreichen, aber nicht ausserhalb.»

Auch andere Stimmen in der CSU und der CDU mahnten zur Besonnenheit. Ein Teil der Unionsfraktion brachte auch eine Art Vertrauensabstimmung innerhalb der Fraktion über den Kurs Angela Merkels ins Spiel, sollte am Dienstagabend keine Einigung erzielt werden. In diesem Falle «werden wir den Antrag stellen, dass in der Fraktion eine Entscheidung getroffen wird», sagte Hans Michelbach von der CSU.

Trotz des nun gefundenen Kompromisses bleibt die Lage fragil. Am Montag wurde Horst Seehofers lange Zeit unter dem Decker gehaltener «Masterplan Migration» bekannt. Der CSU-Chef strebt eine deutliche Verschärfung in der Asylpolitik an. Kanzlerin Merkel hatte sich mit Ausnahme der Frage über die Rückführung von Flüchtlingen hinter diesen Plan gestellt. Am Montag betonte die SPD, sie würde solche Pläne nicht akzeptieren. Fraglich ist darüber hinaus, wie die CSU reagieren wird, sollte sie bei den Landtagswahlen im Oktober die absolute Mehrheit verfehlen, ebenso, sollte das von Merkel angemahnte europäische Vorgehen zeitnah keine Erfolge zeitigen. Konservative Kreise bei CSU und CDU könnten abermals aufbegehren.