Es herrscht eine angespannte Ruhe in Barcelona. Ein Teil der Bewohner möchte die Mittelmeermetropole lieber gestern als heute zur Hauptstadt eines neuen Staates ausrufen: Katalonien. Ein anderer Teil fühlt sich als Spanier und hängt sich eine spanische Fahne an den Balkon. Und nicht wenige haben einfach genug von dem Theater.

Der Zentralstaat steht kurz davor, das Kommando in Barcelona zu übernehmen. Der Regionalregierung um den Präsidenten Carles Puigdemont droht gar Gefängnis. Und trotzdem ist es in den Strassen ausserhalb der Demonstrationen eigenartig still. Umso heftiger tobt der Krieg in den sozialen Medien.

Propaganda à la Ukraine

Die nationalistische Kulturorganisation Òmnium Cultural hat ein Video (oben) ins Netz gestellt. Eine junge Frau bittet darin auf  Englisch Europa um Hilfe: „Help Catalonia - Save Europe“. Sie stellt darin die Sicht der Separatisten auf die Katalonien-Krise dar. Das friedfertige Volk der Katalanen verteidige seine europäischen Werte. Diese seien von der spanischen Zentralregierung bedroht.

Das Video ist mit dramatischer Musik unterlegt und zeigt, wie spanische Polizisten am 1. Oktober auf  Menschen einprügeln, die am Unabhängigkeitsreferendum teilnehmen wollen. Die junge Frau sagt, dass die spanische Regierung den Dialog mit den Katalanen verweigert. Mit den Worten „wir sind europäische Bürger wie ihr. Bitte schaut nicht weg. Helft Katalonien, rettet Europa“, endet das Video.

Der Film verbreitete sich viral und wurde bereits 1,8 Millionen Mal angeschaut (Stand Mittwochmittag). Die Kritik liess nicht lange auf sich warten. Zuschauern fiel auf, dass das Video sehr ähnlich gemacht ist, wie ein Film aus der Ukraine. Um den Jahreswechsel 2013-2014 besetzten dort proeuropäische Demonstranten den Maidan-Platz und protestierten gegen die ukrainische Regierung des Präsidenten Wiktor Janukowytsch. Er hatte sich Russland zugewandt und regierte mit eiserner Hand. Im Video von Damals ruft ebenfalls eine junge Frau auf Englisch um Hilfe und bittet darum, die Augen nicht zu verschliessen. Janukowytsch flüchtete schlussendlich. 80 Personen waren bei den Protesten ums Leben gekommen.

«I Am a Ukrainian» – das Vorbild aus der Ukraine.

 

Das Video der Katalanen wurde heftig kritisiert. Es verschweige, dass das Referendum vom 1. Oktober vom spanischen Verfassungsgericht für illegal erklärt worden war. Zudem sei es unzulässig vom katalanischen Volk als Einheit zu sprechen.

Tatsächlich zeigen Umfragen und Wahlresultate, dass im besten Falle eine knappe Mehrheit der katalanischen Bevölkerung für die Unabhängigkeit ist. Zudem haben die Macher des Videos sich nicht nur in der Ukraine inspirieren lassen, sondern haben auch Szenen in das Video einfliessen lassen, die an einer Demonstration in Galizien aufgenommen worden sein sollen.

Über die Schauspielerin, welche im Video den Text spricht, ergoss sich ein derartig heftiger Shitstorm, dass sie ihre Social-Media-Kanäle sperrte. Eine Schauspielergewerkschaft will nun gegen die Online-Verunglimpfung klagen.

Die Antwort der Loyalisten

Es gibt aber auch originelle Antworten auf das Video. Die Organisation Societat Civil Catalana, welche sich für den Verbleib Kataloniens im Zentralstaat starkmacht, hat eine Parodie ins Netz gestellt. Darin bittet eine junge Frau im identischen Stil Europa um Hilfe. Sie spricht aber nicht vom katalanischen Volk, sondern von den katalanischen Nationalisten. Statt der spanischen Prügelpolizisten werden katalanische Polizisten der Mossos d’Esquadra gezeigt, wie sie bei früheren Demonstrationen auf Menschen einprügeln. Der Hilferuf klingt nun ganz anders: Man solle die katalanischen Nationalisten davor schützen, dass Spanien den Rechtsstaat durchsetzt.

«Help the Catalan nationalists!» – die Antwort der spanischen Nationalisten.

Die Schiffe mit spanischen Polizisten liegen derweil immer noch in den Häfen von Barcelona und Tarragona vor Anker. Auch dort herrscht angespannte Ruhe. Gegenüber einer Regionalzeitung beklagten sich Beamte über Langeweile. Gut möglich, dass sie die Zeit mit Videoschauen totschlagen.