Der Empfang war kühl, als der Staatspräsident die Turnhalle von Bourgtheroulde betrat. Die 600 Bürgermeister aus der Normandie, gekommen, um mit Emmanuel Macron über die Sozialkrise im Land zu diskutieren, applaudierten kaum und stellten dann sehr konkrete Fragen.

Wann Emmanuel Macron die Vermögenssteuer wieder auf ihren alten Stand hebe, wollte einer wissen; warum im nahen Bernay das Spital schliessen müsse, ein anderer. Die Vertreterin des Örtchens Saint-Valéry-en Caux warnte mit Verweis auf seine berühmten Küstenfelsen, Frankreich stehe an einem Abgrund, dessen Ausmass die Regierung in Paris noch nicht eingesehen habe.

Dutzende Fragen beantwortete Macron in einer Debatte, die von 15 bis 22 Uhr über vier Fernsehkanäle live übertragen wurde. Der Präsident brillierte mit einem technokratischen Fachwissen – ob zu kommunalen Baubewilligungen oder regionaler Raumplanung, antwortete er schlagfertig, präzis und kompetent.

Zunehmend in Form und fast so entspannt wie Barack Obama in einer Arena, entledigte sich der Präsident zuerst seines Kittels, dann krempelte er die Ärmel hoch, ohne seinen Redefluss zu unterbrechen. Nach sieben Stunden beendete er ihn endlich und erntete eine stehende Ovation. Auch Kommentatoren zeigten sich beeindruckt von dem «Macron-Marathon», der schon fast einem Wahlauftritt geglichen habe. Der junge Präsident will ihn in den nächsten Wochen in allen dreizehn Regionen Frankreichs wiederholen, was zwei Auftritte pro Woche erfordern würde.

Sonderbarerweise aber ohne die Hauptbetroffenen, die Gelbwesten. Ein paar Farbpunkte in dem gleichförmigen 600-köpfigen Publikum hätten sich gut ausgenommen – und den Protestierenden das Gefühl genommen, Gegenstand, aber nicht Handelnde der «grossen Debatte» zu sein. Fünf «gilets jaunes» wurden in Bourgtheroulde nur von zwei Ministern in einem Nebenzimmer empfangen. Während der Debatte verhinderte die Polizei dann mit Tränengas, dass sich andere der Debatte in der Turnhalle nähern konnten.