Über den Hügeln von Caracas ging gerade die Sonne auf, als Guaidó dem venezolanischen Staatschef Maduro offen den Kampf ansagte.

"Als Interimspräsident von Venezuela, als rechtmässiger Oberkommandierender der Streitkräfte, rufe ich alle Soldaten dazu auf, sich uns anzuschliessen", sagte der Oppositionsführer am Dienstag auf einer Schnellstrasse nahe dem Luftwaffenstützpunkt La Carlota.

Neben Guaidó stand der vor Jahren inhaftierte Oppositionsführer Leopoldo López, den aufständische Soldaten gerade aus dem Hausarrest befreit haben. "Alle Venezolaner, die sich Freiheit wünschen, sollen kommen", sagte der Gründer von Guaidós Oppositionspartei Voluntad Popular. "In diesem Moment sollen alle Venezolaner, mit Uniform und ohne, auf die Strasse."

López suchte noch am Dienstag zusammen mit seiner Ehefrau und seiner Tochter Schutz in der chilenischen Botschaft in Caracas.

Panzerwagen rast in die Menge

Kurz darauf lieferten sich Demonstranten und regierungstreue Sicherheitskräfte schwere Auseinandersetzungen. Vermummte Regierungsgegner griffen gepanzerte Militärfahrzeuge an. Ein Panzerwagen raste in die Menge, wie im kolumbianischen Fernsehsender RCN zu sehen ist. Ob dabei Demonstranten verletzt wurden oder ums Leben kamen, ist zunächst unklar.

Achtung: Verstörender Video-Inhalt im folgenden Twitter-Beitrag.

Tweet: Situation in Venezuela eskaliert: Panzerfahrzeug rast in Menschenmenge

Nahe dem Luftwaffenstützpunkt La Carlota schleuderten Demonstranten Steine auf Nationalgardisten auf Motorrädern. Die Sicherheitskräfte feuerten Tränengaskartuschen in die Menge. Verteidigungsminister Vladimir Padrino sagte, ein Oberst sei in den Hals geschossen worden, er müsse notoperiert werden. "Ich mache dafür die politische Führung der Opposition verantwortlich", schrieb er auf Twitter.

Bislang liess Maduro seinen Herausforderer Guaidó weitgehend gewähren. Nach dem Putschversuch könnte die sozialistische Regierung nun andere Saiten aufziehen und Guaidó verhaften lassen. "In diesem Moment sammelt die Generalstaatsanwaltschaft Beweise gegen jene, die in diese illegale Verschwörung verwickelt sind", sagt Generalstaatsanwalt Tarek William Saab.

Zunächst tat die Regierung den Aufstand allerdings als kläglichen Putschversuch einiger Weniger ab. "In diesem Moment schalten wir eine kleine Gruppe verräterischer Soldaten aus", schrieb Kommunikationsminister Jorge Rodríguez auf Twitter.

Generäle profitieren von Maduro

Das Militär gilt als der entscheidende Faktor im Machtkampf in Venezuela. Guaidó hat die Streitkräfte immer wieder dazu aufgerufen, die Seiten zu wechseln - bislang allerdings nur mit geringem Erfolg. Die Generäle profitieren ohnehin vom System Maduro und haben daher wenig Interesse an einem Machtwechsel. Kleinere Aufstände einfacher Soldaten gegen Maduros Regierung wurden bereits mehrfach niedergeschlagen.

Agenten des kubanischen militärischen Geheimdienstes sollen die einfachen Soldaten der venezolanischen Streitkräfte kontrollieren und Aufstände sowie Verschwörungen bereits im Keim ersticken. Nach Angaben der Nichtregierungsorganisation Control Ciudadano sitzen in Venezuela 193 Militärs wegen politischer Vergehen in Haft.

Während auf den Strassen von Caracas noch um die Macht gerungen wird, bringen sich die internationalen Verbündeten der verfeindeten Lager in Stellung. Die USA, viele EU-Staaten wie Deutschland und Frankreich und zahlreiche lateinamerikanische Länder haben Guaidó bereits als rechtmässigen Übergangsstaatschef anerkannt - dagegen halten Russland, China, die Türkei sowie die linken Regierungen in Kuba, Nicaragua und Bolivien weiterhin Maduro die Treue.

US-Regierung stellt sich hinter Guaidó

"Die US-Regierung unterstützt das venezolanische Volk vollkommen in seinem Verlangen nach Freiheit und Demokratie", schrieb US-Aussenminister Mike Pompeo am Dienstag auf Twitter.

Der nationale Sicherheitsberater John Bolton forderte den venezolanischen Verteidigungsminister Vladimir Padrino und andere auf, sich Guaidó anzuschliessen. Er warnte, dass Venezuela in eine Diktatur abdriften werde, sollten Guaidós Bemühungen fehlschlagen. Bolton unterstrich, dass die Entwicklungen vom Dienstag keinen Coup darstellten.

Den USA gehe es um einen friedlichen Machtübergang in Venezuela, erklärte der Sicherheitsberater. Er betonte zugleich aber, dass weiterhin alle Optionen auf dem Tisch lägen. Präsident Donald Trump schrieb auf Twitter, er beobachte die Lage sehr genau. Die USA stünden an der Seite des venezolanischen Volkes, fügte er hinzu.

Maduros Verbündete hingegen stärken dem venezolanischen Präsidenten den Rücken. "Wir verurteilen diese putschistische Bewegung, die darauf abzielt, das Land mit Gewalt zu überziehen", schrieb der kubanische Präsident Miguel Díaz-Canel auf Twitter. Der bolivianische Staatschef Evo Morales teilte mit: "Wir verurteilen diesen versuchten Staatsstreich in Venezuela aufs Schärfste."

Russland warnt vor Eingreifen

Russland warnte vor einem Eingreifen von aussen. Es gebe Kräfte, die nur einen Vorwand für ein gewaltsames Einschreiten suchten, schrieb der Chef des Auswärtigen Ausschusses im russischen Föderationsrat, Konstantin Kossatschow, bei Facebook.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan schrieb auf Twitter: "Diejenigen, die sich in Venezuela, wo das Volk herrscht und der Präsident gewählt wurde, darum bemühen, einen postmodernen Kolonial-Gouverneur zu berufen, sollen wissen, dass nur durch demokratische Wahlen bestimmt werden kann, wie ein Land geführt wird."