Das neue Buch des deutschen Autors und ehemaligen SPD-Politikers Thilo Sarrazin provoziert. In «Feindliche Übernahme – Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht» warnt er vor einer Islamisierung der westlichen Welt und fordert einen Einwanderungsstopp für Muslime.

Auf knapp 500 Seiten untermauert Sarrazin seine Thesen mit angeblich wissenschaftlichen und statistischen Tatsachen. Auch habe er, so schreibt er es, den Koran von der ersten bis zur letzten Zeile selbst durchgelesen. 

Wie wissenschaftlich die Erkenntnisse von Sarrazin wirklich sind und wie tiefgründig sein neu erworbenes Koranverständnis, haben wir von einer Fachperson beurteilen lassen. Amir Dziri ist Direktor des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft der Universität Fribourg und der erste Professor für islamische Studien in der Schweiz. Er analysiert 5 wichtige Argumente von Sarrazin.

Argument 1: der ungetrübte Blick auf den Koran

Passagen aus dem Buch: «An seinen Anfang stelle ich die Frage nach dem ‹Wesen› des Islam. Meine Antwort suche ich im Text des Korans, so wie ich ihn als verständiger Laie ohne Kenntnisse des Arabischen in deutscher Sprache verstehe. (...) Da ich zur Religion des Islam nicht von Behauptungen und Einschätzungen aus zweiter Hand leben möchte, habe ich den Koran von der ersten bis zur letzten Zeile gelesen.»

Dazu Amir Dziri: Sarrazin hat eine höchst vereinfachende Weltwahrnehmung, die er zu keiner Zeit transparent macht und zur Diskussion stellt. Welche Erwartungen verbindet Herr Sarrazin damit, das «Wesen des Islam» im Koran zu finden? Muslime selbst haben es jahrhundertelang verstanden, sich mit Widersprüchen im Koran zu arrangieren. Ein Teil von ihnen muss das vielleicht gar wieder von Neuem lernen.

Sarrazin jedoch knüpft an keine wissenschaftliche Methode an. Er liest den Koran wie ein Sachbuch einmal durch und fertig ist das Weltbild. Er bleibt damit Gefangener seiner eigenen Vorstellung, dass Mentalitäten sich nicht ändern. Seine Haltung verweist auf ein technokratisches Schwarz-Weiss-Denken, das Prozesshaftigkeit, Dynamik und Vielschichtigkeit nicht als Wirklichkeiten anerkennt und das in unseren modernen Gesellschaften eine religionsübergreifende Herausforderung darstellt.

Argument 2: Islamisierung wegen hoher Geburtenrate

Passagen aus dem Buch: «Wegen des hohen Anteils junger Muslime und ihrer durchschnittlich höheren Kinderzahl ist der Anteil der Muslime an den Geburten etwa doppelt so hoch wie ihr Bevölkerungsanteil. Daraus speist sich neben der Einwanderung ihr künftiges Bevölkerungswachstum. (...) Der Geburtenanteil der Muslime wird weiter deutlich steigen. (...) Bei unveränderter demografischer Dynamik und unveränderter Einwanderung ist der Islam in Deutschland und Europa langfristig auf dem Weg zur Mehrheitsreligion.»

Dazu sagt Amir Dziri: Geburtenraten hängen nachweislich stark von sozialen und wirtschaftlichen Faktoren ab. Statistiken belegen eine zunehmende Angleichung von Geburtenraten muslimischer Paare an nicht-muslimische Paare, die unter gleichen sozialen und ökonomischen Bedingungen leben. Ich halte die Rechnungen für unseriös, man kann Geburtenraten nicht einfach jährlich hochrechnen. Was hier stärker heraussticht, ist eine starke Reduzierung von Frauen auf die Funktion des Kinderkriegens.

Argument 3: Die islamische Welt ist rückständig

Passagen aus dem Buch: «Seit dem späten Mittelalter bildete sich, schleichend zunächst, mehr und mehr ein Vorsprung des Westens gegenüber der islamischen Welt in Wirtschaft, Wissenschaft und Technik sowie später auch in den militärischen Fähigkeiten aus. (...) Vielmehr ist es die innere Logik der Religion des Islam, die eine Anpassung der islamischen Gesellschaften an die Moderne behindert, (...) die das wirtschaftliche Zurückbleiben der muslimischen Welt bewirkt und die die durchweg unterdurchschnittliche Bildungsleistung der muslimischen Bevölkerung überall in der Welt erklärt.»

Dazu sagt Amir Dziri: Der Zusammenhang, der hier hergestellt wird, ist sehr subjektiv. Wenn behauptet wird, alle überwiegend muslimischen Länder der Welt seien aufgrund ihrer Religion nicht zu Fortschritt in der Lage, wäre es natürlich auch interessant zu wissen, was der Grund bei den übrigen Ländern ist, die wirtschaftlich und technologisch nicht mit dem Westen mithalten können und ob es dann an der Kultur, Religion oder eventuell am Klima liegt. Letztlich stimmt es faktisch nicht: In vielen Branchen, beispielsweise gerade in der neuen Informations- und Kommunikationstechnologie, weisen diverse muslimische Länder vergleichbare, wenn nicht gar höhere Produktivitäts- und Innovationsraten auf.

Insgesamt bedenklich ist, dass Sarrazin eine sehr vereinfachende und chauvinistische Kulturauffassung vertritt: Es gibt unterschiedliche, statische Kulturen auf der Welt. Manche davon werden immer überlegen, andere immer unterlegen sein. Die unterlegenen Kulturen mögen sich den überlegenen Kulturen bitte unterordnen, freiwillig oder nötigenfalls mit Druck.

Dieses Denken anzuprangern, war Grundlage jeglicher Bemühung um europäische Integration und internationale Menschenrechte der Nachkriegszeit.

Argument 4: Muslime sind Fundamentalisten

Passagen aus dem Buch: «In der jüngeren Geschichte sehen wir, dass der Islam sich mit Demokratie sehr schwer tut und Religionsfreiheit dort durchweg nicht gelten lässt, wo Muslime in der Mehrheit sind. (...) Wir sehen darüber hinaus, dass durchgreifende gesellschaftliche Reformen nur in wenigen islamischen Ländern stattfinden und sich dort nur sehr langsam vollziehen, zudem kaum je wirklich erfolgreich sind. (...) Will man die Texte, so zeitgebunden sie sein mögen, nicht grossenteils ihres Sinns entleeren, dann fallen weitgehende Interpretationen schwer. Und so überwiegt mehrheitlich unter den islamischen Theologen eine eher traditionelle Sicht. (...) Wie Bernard Lewis 1988 schrieb, gibt es unter muslimischen Theologen bisher noch keinen liberalen oder modernistischen Zugang zum Koran, und alle Muslime sind zumindest in ihrer Einstellung zum Korantext im Prinzip Fundamentalisten.»

Dazu sagt Amir Dziri: Der Nahe Osten erlebte in den letzten zwei Jahrhunderten sicherlich einen starken gesellschaftlichen Transformationsprozess. Die Menschen ringen darum, für sich, ihre Familien und Gesellschaften trotz grosser Widrigkeiten ein glückliches Leben aufzubauen. Dabei haben sie in den letzten Jahren und Jahrzehnten auf sehr verschiedene politische Ideologien zurückgegriffen: auf nationalistische, sozialistische, kommunistische oder liberal-demokratische und eben auch religiös-extremistische. Aber es gibt keine unweigerliche biologische oder kulturelle Konstante.

Wenn, so wie Sarrazin annimmt, «Mentalitäten nicht veränderbar sind», dann ist das erstens historisch weltfremd und zweitens wäre dann jede Begegnung, jedes Lernen, jede Pädagogik letztlich sinnfrei.

Argument 5: Muslime können sich nicht integrieren

Im Interview mit dem Blick sagt Sarrazin: «Ich zeige in meinem Buch, dass die religiöse Prägung durch den Islam, wie er im Koran niedergelegt ist, die Muslime zu Feindseligkeit und Abgrenzung gegen Ungläubige erzieht, Hochmut und geringe intellektuelle Neugier bewirkt sowie Unbildung und Rückständigkeit fördert. Gleichzeitig begünstigt die mindere und abhängige Stellung der Frau schlechte Bildung, frühe Heimat und überdurchschnittliche Kinderzahlen. (...) Ich freue mich über jeden, der sich bei uns integriert und unsere Werte adaptiert. Nur wird er dann nicht mehr lange Muslim sein.»

Passage aus dem Buch: «Bei Muslimen kann Integration durch Vermischung schon deshalb nicht funktionieren, weil gläubigen Muslimen die Heirat mit Ungläubigen verboten ist.»

Dazu sagt Amir Dziri: Wenn Sarrazin pauschal die Unvereinbarkeit von Islam und westlichen Werten stilisiert, übernimmt er im Grunde fundamentalistische Denkansätze: Er übernimmt die Wahrnehmung des Islams als eine absolute Heilsbotschaft einer nicht-deutschen Kultur und setzt sie einer überlegenen deutschen Kultur gegenüber. Das Denken in solchen Panik-Kategorien wird ja unter anderem extremistischen Muslimen zurecht vorgeworfen.

Es gibt jedoch einen Kritikpunkt, den Sarrazin unbeholfen umschweift, der aber tatsächlich wichtiger Bestandteil aktueller Debatten, zunächst einmal unter Muslimen selbst, sein sollte. Nämlich: Wie gehen Muslime mit der starken normativen Kraft um, die durch die Lehre des Islam beansprucht wird? Also wie umgehen mit Geboten und Verboten, wie mit den vielen islamischen Handlungsanweisungen, und wie kann sich ein solches religiöses Leben verantwortungsvoll in einer liberalen und diversen Gesellschaft einfädeln?

Das ist ein Thema, das unbedingt kritisch zu thematisieren ist, unter, mit und im Hinblick auf Muslime – aber bitte dann klar benennen und nicht ungekonnt mit irgendwelchen kruden Entwicklungs- und Mentalitätstheorien vermischen.