Als am 21. August 1968 die Truppen des Warschauer Pakts die Tschechoslowakei besetzten, war ich in der ersten Klasse der Bezirksschule und unsere Klasse auf der Schulreise. Am Morgen hatte man am Radio etwas gehört, dass in Prag die Panzer aufgefahren seien, aber unser Ausflug per Car verlief davon völlig unberührt. Was nicht heissen soll, dass die Schulreise ohne Turbulenzen verlief.

Im Januar 1968 hatten die Entwicklungen in der Tschechoslowakei Fahrt aufgenommen. Man wusste, dass da etwas im Gang war. Der Slowake Alexander Dubcek hatte sich auf eine Art Reformkurs begeben. Es gärte im Osten. Und in der Schweiz hatte man die Hitparade erfunden. Auf Platz 1 lag damals «Monja» von Roland W. Infolge geringer gesanglicher und vor allem textlicher Anforderungen eignete sich dieses Lied hervorragend zum Nachvollzug. (Damals wusste man noch nicht, dass derlei später «Karaoke» genannt werden sollte, aber man tat es trotzdem.)

Unser Car hatte einen Plattenspieler eingebaut (es gab noch nicht einmal die Tonbandkassette) und der Chauffeur hatte nur diese eine Platte – oder er spielte nur die. Auf jeden Fall fiel nach der ersten Wiederholung die ganze (oder fast die ganze) Klasse schmetternd ein. Und der Car wurde zur Festhütte. Unseren Klassenlehrer befiel eine leise Angst vor so viel Anarchie – immerhin war der Globus-Krawall noch in frischer Erinnerung.

Natürlich gab es danach die Suche nach Rädelsführern und anderen revolutionären Subjekten. Dass die politischen Ereignisse im Osten diese Suche rasch aus den Köpfen von Eltern und Lehrern verdrängte, nahm man dankbar hin.

Die Aufregung war auch in der Schweiz gross. Auf Strassen und Plätzen brüllte man «Dubcek, Svoboda» und es gab für Fr. 1.80 den CSSR-Wimpel zu kaufen. Man hängte sich das Ding ins Auto an den Innenspiegel oder ans Velo oder an den Sportsack oder irgendwohin.

Der «Prager Frühling» reihte sich ins 1968er-Empfinden nahtlos ein

Unser Jahrgang (1956) hatte zwar vom Ungarn-Aufstand aktuell nichts mitbekommen. Aber die Erinnerungen wurden natürlich wach. Es wurde schnell klar, dass die sowjetische Intervention 1968 nicht so brutal war wie die von 1956. Es gab jede Menge Desinformation, aber die Bilder vom friedlichen Widerstand der jungen Generation – entstammen die Mädchen in Miniröcken eher der Fantasie oder der Erinnerung? – schienen anzudeuten, dass da in Prag etwas Ähnliches vor sich ging wie das, was man in Westeuropa bereits gesehen hatte. Es wurde geschossen, es gab Tote, etwa 100 aus der Zivilbevölkerung und rund 50 Rotarmisten, aber kein Blutvergiessen, das mit dem Ungarn-Aufstand vergleichbar gewesen wäre.

Die Panzer selbst auf Bildern und Filmen wirkten brutal, die Soldaten und Offiziere auf ihnen aber eher verwirrt und wenig aggressiv. Zum Glück sehr diszipliniert. Keine Extrawürste der Kommunistischen Parteien des Warschauer Pakts zu dulden, nannte man später die «Breschnew-Doktrin». Aber der ZK-Sekretär im Kreml zögerte eher vor der Intervention zurück. Treibende Kräfte waren DDR-Boss Walter Ullbricht und Verteidigungsminister Marschall Gretschko.

Ob «Politischer» oder «Wirtschaftsflüchtling» – alle durften bleiben

Angesichts der Ereignisse in Ungarn 1956 hatte man in der Schweiz unverhältnismässig schnell reagiert und die Flüchtlingsgesetzgebung, die eigentlich noch dem entsprach, was man von 1933 bis 1945 praktiziert hatte, völlig umgekrempelt. Auch 1968 stellten die Schweizer Behörden bereitwillig Aufenthaltsbewilligungen für Tschechoslowaken aus. «Flüchtlinge» konnte man sie allerdings nicht nennen. Viele entschieden sich erst Ende 1968, als klar war, dass der «Prager Frühling» endgültig vorbei war, fürs Bleiben. Während des Zweiten Weltkriegs hatte man nur rund 250 Personen den Status eines «Politischen Flüchtlings» zuerkannt. Wie viele Menschen aus Ungarn und der CSSR wirklich politisch Verfolgte waren, lässt sich kaum mehr feststellen. Aber es waren sicher nicht alle. Schliesslich blieben bis 1970 etwa 12 000 Tschechoslowaken in der Schweiz. Und sie waren hochwillkommen. Mehr als die Hälfte verfügte über einen Hochschulabschluss (56 Prozent), fast alle mindestens eine Matura oder eine abgeschlossene Berufslehre.

Der «Prager Frühling» blieb Episode. Die Ereignisse von 1989 spülten ihn aus der Erinnerung. Von einem «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» wollte nach dem Fall der Mauer niemand mehr hören. Auch Ota Sik, der Wirtschaftsprofessor, der in den 1960er-Jahren das Schlagwort vom «dritten Weg» prägte, wirkte an der HSG als geschätzter Lehrer, aber eher weniger als politischer Inspirator. Im Januar 1969 steckte sich der Student Jan Palach in Prag selbst in Brand. Und – jung wie wir waren – mir blieb prägend in Erinnerung, wie wir im Frühling 1969 die Eishockey-Siege der CSSR gegen die Sowjetunion feierten. Dass die WM in Schweden anstatt in Prag stattfinden musste, hatte ich nicht mehr präsent. Dass es Krawalle gab in Prag hingegen schon noch.