Die Zeiten in der Politik ändern sich rasch. Das wird sich heute zeigen, wenn der SPD-Parteitag um 11 Uhr für eröffnet erklärt wird. Martin Schulz, der Parteipräsident, wird sich an das Mikrofon stellen und vermutlich zurückblicken auf das miese Abschneiden bei den Bundestagswahlen, vor allem aber den Blick in die Zukunft richten. Die Stimmung im Saal dürfte weit weniger euphorisch sein als noch im März dieses Jahres. Damals hielten sie beim Parteitag, ebenfalls in Berlin, grüppchenweise «Martin»-Schilder in die Höhe. Nach jedem einigermassen kämpferisch klingenden Satz von Schulz setzten die Genossen zur Ovation an. Dann wählten sie den ehemaligen EU-Politiker mit 100 Prozent der Stimmen zu ihrem Parteichef. 100 Prozent. So etwas hat es noch nie gegeben.

Heute stellt sich Schulz zur Wiederwahl. Der 61-Jährige hat längst nicht mehr 100 Prozent der Delegierten hinter sich, die Kritik an Schulz ist zuletzt gewachsen, die Euphorie vom Frühjahr längst Ernüchterung gewichen. Die SPD fuhr, mit Schulz als Kanzlerkandidaten, bei den Bundestagswahlen das historisch schlechteste Resultat der Nachkriegsgeschichte ein. Auf 20,5 Prozent wurden die Genossen von den Wählern zurückgestutzt. Dann einigte sich die Parteispitze um Schulz noch am Wahlabend darauf, die Partei in der Opposition inhaltlich erneuern zu wollen. Dabei blieb Schulz sogar nach dem Scheitern der Gespräche über eine «Jamaika»-Koalition aus Union, FDP und Grünen. Die SPD, wiederholte er mehrere Male, sei nicht bereit, mit der Union in eine Grosse Koalition zu gehen.

Basis will Minderheitsregierung

Dann aber überschlugen sich die Ereignisse, und Schulz änderte auf Druck auch des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier seine Meinung. Denn die Grosse Koalition ist die letzte verbliebene Möglichkeit, in Deutschland doch noch eine stabile Regierung zu bilden. Die Alternativen wären riskant: Es gibt Neuwahlen, oder Deutschland geht ohne Erfahrung auf Bundesebene das Experiment einer Minderheitsregierung ein. Heute will Schulz von den Delegierten grünes Licht bekommen für «ergebnisoffene Gespräche» mit CDU-Chefin Angela Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer über die Neubildung eines Regierungsbündnisses.

Ob die Delegierten heute den Weg freimachen für Gespräche mit Merkel und Seehofer, ist längst nicht ausgemacht. Die Partei ist in der Frage des «Wie weiter» gespalten. Widerstand gegen die GroKo kommt nicht alleine vom SPD-Nachwuchs, den Jusos. In einer gerade erst veröffentlichten Umfrage sprechen sich lediglich 28 Prozent der SPD-Wähler dafür aus, das ungeliebte Bündnis mit Merkel noch einmal einzugehen. 56 Prozent würden eine Minderheitsregierung – mit der SPD in der Opposition – begrüssen. Viele Genossen eint die Furcht vor weiteren Wählerverlusten in einer Grossen Koalition. Bei der SPD sind viele der Meinung, dass sich die SPD nur in der Opposition erneuern kann.

Parteichef im Dilemma

Im Dilemma befindet sich Parteipräsident Schulz. Lust auf ein Bündnis mit der von ihm hart kritisierten Merkel hat der aus Würselen bei der holländischen Grenze stammende Parteichef keine, das ist sowohl spür- wie sichtbar, wenn Schulz vor der Presse über die GroKo sprechen muss. Allerdings wird Schulz von Frankreichs Staatspräsident Emanuel Macron dazu gedrängt, seine Partei in eine neue Bundesregierung zu führen. Macron setzt bei seinen europäischen Reformplänen vor allem auf die Kraft der deutschen Sozialdemokraten.

Sowohl Schulz als auch Macron setzen zur Bewältigung der Globalisierung und zur Überwindung der Vertrauenskrise der Menschen in Europa in eine weitere Vertiefung der Europäischen Union. «Man muss nicht alle Vorschläge Macrons im Detail gut finden, aber die Idee einer Neugründung Europas ist richtig», sagte Schulz. «Eine positive Antwort auf Macron zu geben, wird ein Kernelement bei jeder Verhandlung sein.»

Der Parteitag verspricht Zündstoff. Angespannt bleibt die Lage indes auch dann, wenn die Basis heute grünes Licht gibt für Gespräche mit der Union. Diese wären in der Tat «ergebnisoffen», wie es Schulz mehrmals betont hat.