«Das ist der Moment der wirtschaftlichen Erholung», versprach Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro (55), als plötzlich ein Knall zu hören war. Es ist Samstag, 17.41 Uhr, Maduro spricht vor der Nationalgarde auf der Avenida Bolivar in Caracas.

Ein hilfloser Blick nach oben, Bodyguards stürmen auf die Bühne und breiten ihre Schutzschirme aus. Die Kamera des Staatsfernsehens schwenkt weg von der Tribüne in die Totale, wo noch Normalität herrscht. 20 Sekunden später noch ein Knall. Der Staatssender blendet ab. Dann ist Schluss mit der Übertragung.

Keine zwei Stunden später trat Maduro gefasst im Fernsehen auf und sprach von einem Sprengstoffanschlag mit zwei Drohnen. «Heute haben sie versucht, mich umzubringen. Sie sind wieder gescheitert. (Kolumbiens Präsident) Juan Manuel Santos steckt dahinter», behauptete Maduro, «zusammen mit Ultrarechten aus Kolumbien, Venezuela und den USA.» Mehrere Verdächtige seien festgenommen worden, alle Beweise gesichert. Maduro drohte den Verantwortlichen mit «Höchststrafen ohne Pardon».

Santos seinerseits liess über soziale Netzwerke ausrichten, er sei mit der Taufe seiner Enkelin beschäftigt, nicht damit, andere Regierungen zu stürzen. Kolumbiens scheidender Staatschef gehört zu den dezidiertesten Kritikern des venezolanischen Sozialismus.

Das Nachbarland hat ausserdem mit dem Grossteil des Flüchtlingsstroms aus Venezuela zu kämpfen. Erst vor wenigen Tagen erteilte Santos knapp einer halben Million venezolanischer Migranten ein Bleiberecht.

Fernsehbilder von den Drohnen gibt es nicht. Journalisten, die sich in der Nähe der Tribüne aufgehalten hatten, wurden festgenommen und gefilzt, ihr Material konfisziert. Die Nachrichtenagentur AP vermeldete schon kurz nach dem Ereignis unter Berufung auf Feuerwehrleute, bei dem Ganzen habe es sich um eine Gasexplosion in einer Wohnung in der Nähe der Avenida Bolivar gehandelt.

Auf den Bildern der Feuerwehr sind Ermittler zu sehen, die mit gelben Dreiecken mehrere Fundstücke auf dem Vordach vor dem Appartement sichern. Nach Angaben des Portals «Efecto Cocuyo» handelt es sich um eine Wohnung einen Block von der Tribüne entfernt.

Nachbarn berichteten dem Portal, sie hätten eine laute Explosion gehört und die Wände hätten gewackelt. Die Polizei vermeldete, in dem Appartement im zweiten Stock seien Fragmente der Drohnen und Sprengstoffreste gefunden worden. Ein Soldat, der an der Veranstaltung teilnahm und wenige Meter von der Tribüne entfernt stand, erklärte derweil der spanischen Zeitung «El Pais», er habe keine Drohne gesehen und keine Schüsse gehört.

«T-Shirt-Soldaten» bekennen sich

Die Situation ist reichlich verwirrend. Nicht zuletzt, weil sich am Abend gleich zwei Gruppen von Offizieren und Soldaten zu dem Attentat bekannten. Auf Twitter erklärte die «Nationale Bewegung der T-Shirt-Soldaten», sie habe zwei mit Plastiksprengstoff C-4 beladene Drohnen auf die Rednertribüne zugesteuert, sie seien aber von Scharfschützen abgeschossen worden.

Mehreren Medien wurde zudem in anonymes Bekennerschreiben von angeblichen Offizieren zugespielt, in dem es hiess, die Operation Phoenix habe nicht geklappt. «Aber unser Kampf geht weiter, um die Unabhängigkeit, Souveränität und öffentliche Ordnung wiederherzustellen», hiess es.

Die Regierung verletze systematisch die Verfassung und die Demokratie und usurpiere die Volkssouveränität, so die Bekenner. Es gehe ihnen darum, dass die Bevölkerung wieder etwas zu essen bekomme, die Kranken Medikamente, das Geld wieder einen Wert habe und die Bildung nicht nur reine Indoktrination sei.

Venezuela-Experte Phil Gunson wollte ein inszeniertes Selbst-Attentat nicht ausschliessen, «um Maduros Behauptungen von Verschwörungen zu untermauern». In den vergangenen Tagen, in denen sich Demonstrationen und Streiks gegen die sozialistische Mangelwirtschaft häuften, hatten Regierungsanhänger in sozialen Netzwerken die Furcht vor Attentaten angeheizt.

Das Attentat kommt dem Regime nicht ungelegen: Mit aller Härte kann Maduro nun gegen die vermeintlichen «Feinde» im Land vorgehen.