Niemand zu klein, eine Independista zu sein: Die sechsjährige Laura reiste mit ihren Eltern Jorge und Stefania über 1200 Kilometer weit, um in Brüssel gegen die spanische Zentralregierung zu demonstrieren. Über 45'000 Landsmänner und -frauen taten es ihr gleich und tauchten das Europaviertel rund um EU-Kommission und EU-Parlament gestern in ein Meer aus katalanischen Flaggen.

«Wir sind hier, um für die Freiheit unserer gewählten Politiker zu kämpfen», sagt die 29-jährige Anna, die mit drei Kolleginnen aus Barcelona in einem der Hunderten Reisecars angereist war. Vor den gewaltsamen Übergriffen der spanischen Polizei am Tag des Referendums habe sie sich kaum für die Unabhängigkeit interessiert. Nun führe kein Weg an der Abspaltung vom «undemokratischen Spanien» vorbei, so die Studentin.

Die 66-jährige Maria meint: «Wir wollen, dass die EU uns nicht länger ignoriert und endlich etwas gegen die Ungerechtigkeit der Regierung von Mariano Rajoy unternimmt.» Das garstige Brüsseler Wetter mit Wind, Regen und Kälte konnte ihre Stimmung nicht trüben: Lautstark sangen die Katalanen Sprechchöre und schwenkten das rot-gelbe Sternenbanner. Die Waffelverkäufer im Jubelpark, von wo der Umzug seinen Ausgang nahm, dürften das Geschäft ihres Lebens gemacht haben.

Auftritt Puigdemonts

Auf der Abschlusskundgebung trat endlich auch der abgesetzte Regionalpräsident Carles Puigdemont auf. Er wurde von den Katalanen wie ein Rockstar empfangen. Direkt an EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker gewandt, sagte er: «Haben Sie jemals irgendwo auf der Welt eine solche Demo zur Unterstützung von Kriminellen gesehen? Nein. Das liegt daran, dass wir keine Kriminellen, sondern Demokraten sind.»

Nachdem der oberste spanische Gerichtshof den EU-Haftbefehl gegen ihn aufgehoben hat, fühlt sich Puigdemont schon als Sieger. Er werde aber so lange in Belgien bleiben, wie es nötig sei, sagte er bereits am Mittwoch auf einer Pressekonferenz. Zudem verlangte er Garantien, dass die Regierung in Madrid das Resultat der Regionalwahlen am 21. Dezember anerkennt und respektiert.

«Recht auf Selbstbestimmung»

Dass sie genau das nicht tun werde, davon waren gestern viele Demonstranten überzeugt. Solange die einflussreichen Unabhängigkeits-Politiker Jordi Sanchéz und Jordi Cuixart weiter in Haft seien, könne es gar keine freien Wahlen geben, hiess es. Dass Barcelona mit dem Unabhängigkeits-Referendum gegen die spanische Verfassung verstossen habe, sei kein Argument. «Jedes Volk hat das Recht auf seine Selbstbestimmung», so der 42-jährige José aus der Region Girona.