In den letzten Wochen kursierten einige Namen, die auf den Briten John Cryan an der Spitze von Deutschlands grösstem Geldhaus folgen könnten – Christian Sewing hatten dabei die wenigsten auf dem Zettel. Dabei war der 47-jährige Westfale als Co-Vizechef hinter Cryan eigentlich in der Poleposition, um in der Hierarchie dereinst ganz nach oben zu klettern. Doch der umstrittene Aufsichtsratschef Paul Achleitner suchte offenbar nach einer externen Lösung. Scheinbar fand sich kein Top-Banker, der sich auf den «im Vergleich mit anderen Top-Jobs in der Bankenwelt schlecht bezahlten Schleudersitz» («Handelsblatt») setzen lassen wollte.

Mit der am Sonntagabend vom Aufsichtsrat getroffenen Entscheidung, den seit Sommer 2015 amtierenden Briten John Cryan durch Sewing zu ersetzen, vollzieht die Bank einen Generationen- und Kulturwechsel. Der vierfache Familienvater Sewing ist mit seinen 47 Jahren für den Chefposten relativ jung, entscheidender als sein Alter ist aber Sewings Werdegang. Sewing hat das Bankgeschäft von der Pike auf gelernt, absolvierte Ende der 1980er-Jahre eine Lehre bei der Deutschen Bank, blieb dem Institut 28 Jahre lang treu, sammelte fleissig Erfahrung im Ausland und arbeitete sich sukzessive nach oben. Vor allem aber ist Sewing der erste Vorstandschef der Deutschen Bank seit 16 Jahren, der nicht aus dem Investmentbanking kommt.

«Harte Entscheidungen»

Sewing hat keine leichte Aufgabe vor sich. Die Deutsche Bank schreibt seit drei Jahren rote Zahlen, hat in dieser Zeit fast neun Milliarden Euro Verluste eingefahren, der Aktienkurs ist im gleichen Zeitraum um 60 Prozent abgestürzt. Trotz der Verluste schüttete die Bank Boni von mehr als zwei Milliarden Euro aus, was für öffentliche Kritik sorgte. Auch der Start ins 2018 ist dem Geldhaus missglückt. Vor allem mit dem teuren und riskanten Investmentbanking verdient die Bank derzeit kaum mehr Geld, die Sparte muss saniert und die Kosten müssen gesenkt werden.

Der neue Konzernchef kündigte in einem Brief an die Bank-Mitarbeiter gestern Morgen bereits «harte Entscheidungen» an, die er treffen und umsetzen wolle. Mit Blick auf die Erträge müsse die Deutsche Bank ihre «Jägermentalität» zurückgewinnen, die Messlatte müsse in allen Geschäftsbereichen höher gelegt werden, so Sewing. Die forsche Ankündigung des vierfachen Familienvaters dürfte in der Sparte des Investmentbankings für einige Unruhe sorgen. Der passionierte Tennisspieler und Fan des FC Bayern München ist es sich gewohnt, unpopuläre Entscheidungen zu fällen. Als Privatkundenchef schloss die Deutsche Bank unter seiner Ägide fast 200 Filialen und strich Tausende von Jobs.

Ob Sewing das Kunststück fertig bringt, Deutschlands grösstes Geldhaus wieder zu Erfolgen zu führen, bleibt abzuwarten. Dieter Hein, Analyst beim unabhängigen Analysehaus Fairesearch bei Frankfurt, zeigt sich auf Anfrage der AZ skeptisch, «ob sich Sewing gegen Aufsichtsratschef Paul Achleitner durchsetzen kann». Grundsätzlich sei die Wahl Sewings an die Spitze der Deutschen Bank zu begrüssen, so Hein weiter. Der 47-Jährige habe gegenüber seinen Vorgängern etliche Vorteile: «Er kennt die Deutsche Bank wie kaum ein anderer – auch im Vergleich zu Aufsichtsratschef Achleitner.»

Als Vorteil herausstellen könnte sich laut Hein, dass Sewing deutscher Bürger ist. Seine Vorgänger Joe Ackermann, Anshu Jain oder John Cryan «verfügten über keinerlei Erfahrung im deutschen Bankgeschäft.» Diese fehlende emotionale Bindung zur deutschen Bank und ergo auch zur deutschen Wirtschaft, die Hein auch Aufsichtsratschef Achleitner unterstellt, könne zu einer gefährlichen Mentalität in der Führungsriege führen. «Wenn die Deutsche Bank untergeht und scheitert, dann zieht man einfach weiter. Diese Gefahr einer relativen Gleichgültigkeit sehe ich bei Sewing nicht.»

Ist Achleitner das Problem?

Hein ortet das grösste Problem der Deutschen Bank nicht auf dem Posten des Bankvorstands, sondern beim Aufsichtsratschef aus Österreich. «Achleitner ist ein waschechter Investmentbanker. Aus meiner Sicht wurde er 2012 als Aufsichtsratschef eingesetzt, um über das Investmentbanking seine schützende Hand zu legen.» Die Gefahr sei, dass Achleitner die notwendige Verschlankung des Investmentbankings zu verhindern versuche.

Dabei steht für Hein ausser Frage: «Das kostenintensive und riskante Investmentbanking muss zurechtgestutzt werden.» «Es wäre am besten gewesen, Achleitner wäre zurückgetreten und man hätte einen erfahrenen Banker als Aufsichtsratschef installiert.» Er sei daher skeptisch, ob Sewing unter Achleitner einen wirklichen Strategiewechsel hinbekomme. «Die Deutsche Bank sollte zurück zu ihren Wurzeln, die Kosten runterfahren und sich auf das Kerngeschäft der deutschen Wirtschaft konzentrieren.»