Die Mitglieder der Europäischen Volkspartei (EVP), dem Sammelbecken von Europas Christdemokraten, sehen sich in diesen Tagen mit der kniffligen Frage konfrontiert: Wie hast Du’s mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban?

Spätestens Mittwochmittag müssen sie sich entscheiden. Dann stimmt das EU-Parlament darüber ab, ob es die Einleitung eines sogenannten «Artikel-7-Rechtsstaatlichkeitsverfahrens» gegen Ungarn lancieren will. Die Regierung von Viktor Orban habe in den letzten Jahren die Rechtsstaatlichkeit ausgehöhlt und die Presse- und Meinungsfreiheit sowie die Rechte von Minderheiten beschnitten, heisst es in dem Bericht des Justizausschusses. Am Schluss des Artikel-7-Verfahrens droht im schlimmsten Fall der Entzug des EU-Stimmrechts.

Vor allem einer steht nun unter Zugzwang: Manfred Weber, EVP-Fraktionschef und Kandidat für die Nachfolge von Jean-Claude Juncker als EU-Kommissionspräsident. An seine Adresse sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron vergangene Woche: «Man kann nicht gleichzeitig Merkel und Orban unterstützen.»

Tatsächlich wird es für die europäischen Christdemokraten zunehmend schwierig, den euroskeptischen Kurs ihres Mitglieds Orban noch mitzutragen. «Viele haben die Schnauze voll», drückt sich ein EVP-Insider wenig diplomatisch aus. Zu den grössten internen Gegnern gehören EVP-Abgeordnete aus den Benelux-Ländern und Skandinavien.

Aber auch bei der deutschen CDU finden sich etliche, die meinen, Viktor Orban habe den Bogen überspannt. Weber und seine bayrische CSU hingegen haben Orban jahrelang hofiert. Nach dem Wahlsieg im April war Landesgruppenchef Alexander Dobrindt einer der Ersten, der «unserem Freund Viktor» zum Erfolg gratulierte.

Fest steht: Kurz vor den EU-Wahlen im Mai 2019 will EVP-Chef Weber eine Spaltung der Parteienfamilie unbedingt verhindern. Am liebsten wäre es ihm, wenn sich Orban einsichtig zeigen würde und einen Schritt auf seine Kritiker zuginge. Dass dieser aber keineswegs ans Kleinbeigeben denkt, machte er am Dienstag klar: «Ungarn wird sich nicht erpressen lassen», so Orban.

Ob die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit zustande kommt, ist ungewiss. Es wird an den Christdemokraten selbst liegen. Ein Grund für die Zurückhaltung in der EVP ist aber auch, dass man Orban und seine Fidesz-Partei nicht in die Arme einer rechtspopulistischen Internationalen unter der Führung von Lega-Chef Matteo Salvini treiben will.

Bei einem Treffen Ende August stimmte die Chemie allerdings schon: «Er ist mein Held», sagte Orban über Salvini in Bezug auf dessen kompromisslose Migrationspolitik. Auf der anderen Seite stellte Orban am Dienstag klar, dass er sich bei den Christdemokraten sehr gut aufgehoben fühlt.