Ist sie es wirklich? Aus dem Fernsehen sind Bilder einer ermatteten, gealterten Frau in Erinnerung. Doch hier scheint ein anderer Mensch daherzuschreiten: Tief entspannt und lächelnd steigt Hillary Clinton auf die Bühne. Sie ist 70, sieht aber jünger aus.

Im Festzelt der Harvard-Universität wird sie mit Fanfaren und stehenden Ovationen begrüsst. Eine Gruppe älterer Damen mit «Resistance!»-Armbinden, auf denen das Wort «Trump» durchgestrichen ist, jubelt frenetisch. 2000 Gäste sind da, darunter viele Alumni. Die ältesten wurden speziell willkommen geheissen, sie haben den Abschlussjahrgang 1940.

Lobeshymnen

Bevor Clinton selber das Wort ergreift, saugt sie eine Stunde lang allerlei Huldigungen auf. In einer Diskussionsrunde über die US-Aussenpolitik muss jeder Teilnehmer die Frage beantworten: «Was bewundere ich an Hillary Clinton am meisten?» Anlass für die Loblieder ist die Ehren-Medaille des Radcliffe-Instituts, die ihr verliehen wird, weil sie die Gesellschaft «positiv verändert hat und eine Inspiration für Frauen auf der ganzen Welt ist». Madeleine Albright, 81-jährig und wie Clinton ehemalige US-Aussenministerin, vergisst in ihrer Würdigung nicht zu erwähnen, dass die Medaillen-Trägerin bei den Präsidentschaftswahlen 2016 mehr Stimmen erhalten hat als Donald Trump.

Clinton selbst nimmt den Ball dankbar auf, um eine Kritik am US-Wahlsystem («Electoral College») anzubringen, wonach nicht allein das Total aller Stimmen entscheidend ist. «Ein seltsames System. Ich bin schon seit dem Jahr 2000 dagegen», sagt die Demokratin und plädiert für einen Wechsel zum Prinzip: Ein Mensch, eine Stimme.

Da blitzt er wieder auf, trotz festlicher Laune: Der Frust über die unerwartete Wahlniederlage ist noch nicht verarbeitet. Wenige Tage vor ihrem Auftritt in Harvard hat Hillary Clinton an einer anderen Universität, in Yale, wo sie einst Recht studiert hatte, freimütig zugegeben, sie sei «noch nicht über die Wahlen hinweg». Gern betont sie auch, dass sie in den wirtschaftlich starken und zukunftsweisenden Regionen klar gewonnen habe. Clinton hat nachgerechnet: Sie obsiegte dort, wo in den USA zwei Drittel des Bruttoinlandprodukts erwirtschaftet werden.

Das klingt nach schlechter Verliererin – und nach Arroganz: Die Erfolgreichen wählten mich, die Verlierer Donald Trump. Die «Washington Post», den Clintons eigentlich zugeneigt, flehte die gescheiterte Präsidentschaftskandidatin kürzlich an, nicht mehr über die letzten Wahlen zu reden: «Stop it, Hillary! Please.»

In Harvard hält sie sich weitgehend an diesen Rat. Sie redet stattdessen darüber, worauf es bei der Kindererziehung ankommt («Eltern müssen Empathie vermitteln»), sie verrät, welches Unternehmen sie am liebsten leiten würde («Facebook!») und sie äussert sich betroffen über die jüngste Schiesserei an einer Schule in Texas, bei der zehn Menschen starben («leider sind viele Politiker von der Waffenlobby NRA eingeschüchtert»). Immer wieder brandet Applaus auf. Die Dekanin lobt das mitgehende Publikum als «rowdy crowd».

Besonders engagiert wirkt Clinton, wenn sie über die nächsten Wahlen spricht. Es gehe um nichts Geringeres als darum, die Demokratie zu retten. Ohne Donald Trump namentlich zu erwähnen, ruft sie: «Kämpft gegen alternative Fakten! Informiert euch! Verteidigt die freie Presse!» Um zu ergänzen, Letzteres falle ihr selber auch nicht immer leicht. Clinton ist überzeugt, dass die Demokraten bei den Zwischenwahlen im November die Mehrheit im Parlament zurückerobern und 2020 die Präsidentschaftswahlen gewinnen.

Über ihre eigene künftige Rolle schweigt sie sich aus. Wohlweislich, denn anders als hier, im elitären Universitätsumfeld, wird sie in ihrer eigenen Partei nicht nur gefeiert. Vergangene Woche publizierte die «New York Times» einen langen Artikel, in dem mehrere demokratische Kandidaten sagten, sie verzichteten für die November-Wahlen dankend auf eine Unterstützung durch Hillary. Gar als «Hypothek» wurde sie bezeichnet.

Mehr Geld, weniger Stimmen

Viele Demokraten befürchten, Clintons Präsenz bewirke vor allem eines: eine Mobilisierung zugunsten der Republikaner, für die sie als Establishment-Vertreterin ein perfektes Feindbild abgibt. Zugleich – und das bringt die Kandidaten ins Dilemma – wissen sie, dass Clinton noch immer die beste Geld-Beschafferin für die Partei ist, dank ihren Beziehungen zu Wall Street, Silicon Valley und Hollywood. Vor allem im Tandem mit ihrem Mann, Ex-Präsident Bill Clinton, der in Cambridge fehlte.

Dass die bekannteste Politikerin der USA die Demokraten vom Dilemma befreit und sich aus der Öffentlichkeit zurückzieht: Danach sieht es nicht aus. Ihr Sendungsbewusstsein bleibt ungebrochen. Clinton hat ein Buch geschrieben («What Happened»), das allerdings in der Fülle neuer Anti-Trump-Bücher untergegangen ist, und in Harvard gab sie den jungen Absolventen eine wohlplatzierte Weisheit mit auf den Weg: «Laufe nicht davon, wenn du verlierst.»