Assads Emissär triumphierte. «Unser Sieg ist in Reichweite», brüstete sich Syriens Aussenminister Walid al-Muallem vor der UN-Vollversammlung in New York. «Wenn dieser ungerechte Krieg zu Ende ist, werden die Soldaten der syrischen Armee als Helden im Kampf gegen die Terroristen in Erinnerung bleiben.» Vier Wochen zuvor hatte UN-Vermittler Staffan di Mistura bereits Syriens Opposition mit der Doppelfrage schockiert, ob sie fähig genug sei, sich zu einigen, und ob sie realistisch genug sei, zu begreifen, dass sie den Krieg nicht gewonnen habe. Nach Einschätzung des Diplomaten ist der Bürgerkrieg nach mehr als 330 000 Toten im Wesentlichen ausgefochten, ein nationaler Waffenstillstand könne bald folgen. Und der Krieg um das verbliebene Rebellengebiet um Idlib, erklärte er, «der lässt sich einfrieren».

Verbündete ziehen sich zurück

Seit Russland vor zwei Jahren zum ersten Mal mit Kampfflugzeugen in das Geschehen eingriff, hat sich das Blatt dramatisch gewendet. Lange sah es so aus, als werde das Assad-Regime durch den Ansturm der Aufständischen zu Fall kommen. Seit 24 Monaten nun bombt der Kreml den syrischen Diktator systematisch zum Sieg. Immer mehr Rebelleneinheiten geben demoralisiert auf. Vor allem das Ende ihrer Enklave in Aleppo vor Weihnachten brach der Opposition das Rückgrat. Mit Idlib beherrschen die Assad-Gegner noch eine einzige Provinz, in der allerdings die Extremisten von al-Kaida das Heft in der Hand haben. In den meisten anderen Teilen Syriens herrscht inzwischen eine fragile Waffenruhe.

Auch die regionalen Verbündeten der Assad-Feinde ziehen sich zurück. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate sind absorbiert von ihrem Krieg im Jemen. Katar braucht alle Kräfte, um dem Boykott seiner Golfnachbarn zu widerstehen. Jordanien öffnete kürzlich wieder seine Grenze für den Warenverkehr. Und auch die Türkei redet nicht mehr von einem Assad-Sturz, sondern sitzt seit Februar in der kasachischen Hauptstadt Astana mit seinen indirekten Kriegsgegnern Russland und Iran an einem Tisch. Alle drei Staaten haben sich auf vier Deeskalationszonen geeinigt, mit denen sie das syrische Schlachtfeld Zug um Zug zur Ruhe bringen wollen.

Wie sehr sich die bisherigen Fronten bewegen, zeigt auch die derzeitige Reisediplomatie. Am Donnerstag flog Wladimir Putin nach Ankara zum türkischen Präsidenten Recep Tayyib Erdogan. Nächste Woche kommt der saudische König Salman zu Putin nach Moskau, der erste Besuch überhaupt eines saudischen Monarchen im Kreml. «Unsere beiden Länder sind viel enger verbündet, als das manche Analytiker behaupten», erklärte Aussenminister Adel al-Jubeir im Vorfeld und fügte hinzu, in regionalen Fragen hätten beide Staaten die gleichen Ansichten.

Kein Grund zum Entgegenkommen

Und so können sich Baschar al-Assad und seine Getreuen beruhigt zurücklehnen. Für die nächste UN-Runde in Genf sieht Damaskus keinen Grund für irgendwelche Kompromisse, schon gar nicht beim Thema Assad. Denn US-Präsident Donald Trump lässt ausser dem Sieg über den «Islamischen Staat» bisher keine weiteren strategischen Ambitionen in Syrien erkennen. Und so schmiedet die Assad-Clique bereits Milliarden-Pläne für den Wiederaufbau. Der Iran soll das Stromnetz reparieren und neue Kraftwerke bauen. Auch die Gelder der Europäischen Union hat das Regime fest im Blick. Bei einer Geberkonferenz im April in Brüssel kamen gut fünf Milliarden Euro für humanitäre Hilfe zusammen.

Mittel für den Wiederaufbau jedoch sollen erst fliessen, wenn es bei den Genfer Verhandlungen einen wirklichen politischen Übergang «weg von Assad» gibt, hiess es. Doch danach sieht es nicht aus. «Eine solche Politisierung von Hilfsgeldern ist nicht akzeptabel», schimpfte Russlands Vizeaussenminister Gennady Gatilow, wohlwissend, dass Russland und Iran die auf 280 Milliarden Euro geschätzten Kosten für den Wiederaufbau niemals alleine schultern können. Aber auch in Europa wachsen die Zweifel, ob solche Blockaden auf Dauer sinnvoll sind. Denn am Tempo des Wiederaufbaus in Syrien wird sich mitentscheiden, wie schnell und wie viele Flüchtlinge aus der EU in ihre Heimat zurückkehren können.