Es gibt die Schwäbische Hausfrau. Leider beschränkt sie sich nicht auf ihren schwäbischen Haushalt und sie tritt auch als Maske auf für die Frau, die in Europa jeder kennt. Nichts gegen die schwäbischen Hausfrauen und schon gar nichts gegen ihre Tugend. Nur sollen sie sie für sich behalten und nicht als Weltweisheit herausposaunen. Ihr Credo heisst: Nicht mehr ausgeben als einnehmen, lieber noch etwas sparen. Oder einfacher: Schulden machen ist verboten, Staatsschulden sind des Teufels.

Das leuchtet doch ein. Ja, wenn man im schwäbischen Wunderländle lebt. Aber nicht im Kapitalismus. Denn das kapitalistische Wirtschaften (wie die Demokratie nicht optimal, aber es funktioniert wenigstens) beruht darauf, dass Schulden gemacht und nicht verteufelt werden. Kapitalismus in Reinkultur heisst, dass es Unternehmer gibt und Lohnempfänger – und ein paar Banker. Zentrale Bedingung: Zeit vergeht, die natürlich kostet.

Spielen wir eine Runde mit: Start, Sekunde 0. Ich bin Unternehmer, möchte ein Geschäft machen. Dazu brauche ich: Rohstoffe, Maschinen, Gebäude und andere Infrastruktur – und Arbeiter. (Natürlich auch ein paar Ideen. Aber die kosten nicht so viel.) Damit ich das bekomme, brauche ich Geld: Einen Kredit (auch wenn ich das Geld aus dem eigenen Portemonnaie nehme, dann bin ich mein eigener Schuldner.) Jeder Unternehmer verschuldet sich, muss sich verschulden. Und all das tun die Unternehmer natürlich nicht, weil es Unternehmerpflicht ist. Sondern weil es sich lohnen soll. Unternehmer hoffen oder erwarten, die Produktion auf dem Markt wieder loszuwerden und ihre Investition wieder hereinzuholen.

Nach Runde 1 macht der Unternehmer die Rechnung. Einkommen = Aufwand? Im schwäbischen Hausfrauenländle wäre das o. k., im real life würde es der Unternehmer dann besser lassen. Er braucht Gewinn. Nicht nur um sich selbst zu belohnen, sondern auch um den Kredit zu verzinsen. Sonst geht er unter. Dieses Geld (Karl Marx nannte es «den Mehrwert», der auf Ausbeutung des Arbeiters beruht, und dieses schlechte Image bringt der Unternehmensgewinn einfach nicht weg) steckt noch nicht im Kreislauf (auch wenn das ganze investierte Geld in Löhne geflossen wäre), sondern es muss von aussen hinzukommen. Am einfachsten kommt es herein, wenn eine nächste Gruppe von Unternehmern auf den Plan tritt, welche sich ihrerseits verschuldet hat und die Preise bezahlen kann, welche die erste Generation verlangen muss, damit sie profitabel wirtschaften kann. Woher kommt das Geld für die Schulden? Von den Banken natürlich. Und die können es für den Kredit selbst schaffen.

Der Kapitalismus ist ein sich selbst erhaltendes (Wirtschafts-)Modell. (Manche sagen, «Kettenbrief-» oder «Schneeball-System», aber berechtigt ist das nicht. Denn Kapitalismus funktioniert, wenn man es richtig macht und nicht übertreibt.) Damit die Maschine am Laufen bleibt, muss das Umfeld stimmen. Es braucht funktionierende Märkte und eine Stimmung, welche die Menschen daran glauben lässt, dass die Zukunft sein wird wie die Gegenwart – einfach ein bisschen besser. Und dies alles garantiert der Staat am besten. Was er sonst noch alles tun oder lassen soll, darüber kann man ruhig diskutieren.

Der Staat ist aber auch ein unverzichtbarer stabilisierender Faktor. Unverzichtbar ist er vor allem als Schuldner. Diese Rolle billigt man ihm auch gerne zu. Weil er Steuern erheben kann, glaubt man, dass er auch zuverlässig Schulden- und Zinsdienst leistet. Wenn die schwäbischen Hausfrauen sparen und sich vor Konsum und Investition drücken, sollte der Staat einspringen. Und die Maschine am Laufen halten. Als Investor, der Löhne zahlt, oder als Sozialstaat, der Kaufkraft erhält. Denn wenn die Maschine einmal stockt, wird es extrem schwierig. Dann droht Depression. Und das ist kein Zustand, wie der Name suggerieren könnte, sondern eine Abwärtsspirale, die sich immer schneller dreht.

Staatsschulden haben allerdings auch destruktive Eigenschaften. Besonders, wenn sie durch die Stützung und Rettung des Bankensystems so hochgetrieben sind wie momentan. Anders als in den 30er-Jahren hat man in den USA gehandelt. Bis jetzt erfolgreich, noch stecken wir (denn wenn es die USA erwischt, hängen wir mehr drin, als uns lieb ist) nicht in der Depression. Staatspapiere werden gehandelt, sie unterliegen deshalb auch mehr oder weniger den Schocks und Turbulenzen, welche die Finanzmärkte verursachen.

In Zeiten grosser Ungleichgewichte, wenn grosse Geldvermögen grossen Verbindlichkeiten gegenüberstehen, kann das Volkswirtschaften mehr durchschütteln, als sie es verdienen. Sollen Staaten sich nur gegenüber ihren eigenen Bürgern verschulden dürfen? Staatspapiere damit nur noch beschränkt handelbar sein? Das wäre wohl auch nicht die richtige Lösung. Besser wäre es, das System an sich zu stabilisieren, damit die Staaten gar nicht so oft eingreifen müssen. Das war die zentrale Idee von Maynard Keynes, nicht die Ankurbelung der Nachfrage – darauf hat man ihn heute reduziert. Feste Wechselkurse, so weit wie möglich eingedämmte Finanzspekulation, Präferenz der Realwirtschaft vor dem Finanzkasino – das allein würde die Systemstabilität enorm verbessern. Wie die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 70er-Jahre zeigt.

Glaubt man der Schuldenuhr, ist die Grenze bereits überschritten:

Die US-Staatsverschuldung national debt (Quelle: zfacts.com)

Debtclock 2