Eine Meldung der staatlichen syrischen Nachrichtenagentur SANA sorgt im Nahen Osten für zusätzliche Unruhe. «Volkskräfte», heisst es in der Depesche, würden binnen weniger Stunden in Afrin eintreffen, um den «Widerstand des Volkes gegen den Angriff des türkischen Regimes zu unterstützen». Zuvor sollen Funktionäre der kurdischen Volksverteidigungsmilzen (YPG) und Vertreter des Assad-Regimes eine Vereinbarung getroffen haben, wonach die syrische Armee in Afrin den vor drei Wochen gestarteten Grossangriff der türkischen Armee abwehren soll.

Nur 12 Stunden später wurden die Absichtserklärungen aus Damaskus und Afrin von Sprechern beider Parteien wieder dementiert. Unbestritten sind dagegen Meldungen, nach denen mit dem Bau von provisorischen Truppenunterkünften in der Stadt Afrin begonnen wurde. Diese könnten von Mitgliedern der «Nationalen Verteidigungskräften» (NDF) bezogen werden. Die Assad-treuen Milizen wurden gestern an den Grenzen zur Region Afrin stationiert, wo sie angeblich auf weitere Befehle warten.

Liest man die SANA-Depesche aufmerksam, dann fällt auf, dass Kurden darin nicht erwähnt werden, wohl aber «das Volk», bei dem es sich nach Damaszener Lesart in erster Linie um Syrer und dann erst um Kurden handelt. Mit anderen Worten: Ziel einer Intervention des Regimes in Afrin wäre keinesfalls die Verteidigung der von der «YPG» errichteten Autonomie, sondern die Kontrolle von syrischem Territorium durch den syrischen Staat, mit dem die syrischen Kurden in den letzten Jahren eine Reihe von Stillhalteabkommen schliessen konnten.

Dennoch ist das Misstrauen auf beiden Seiten gewaltig. Was die Kurden und das Assad-Regime verbindet, ist Skepsis und Wut auf den türkischen Staatspräsidenten Erdogan, der neben einem Regime Change in Damaskus möglichst viele YPG-Milizionäre «neutralisieren» will, wie es in der Amtssprache des türkischen Militärs heisst. Es wäre daher durchaus im Interesse von Damaskus und der syrischen Kurden, eine zeitlich begrenzte Militärallianz zu schmieden. Auch in der «Befreiungsschlacht» um Aleppo kämpften die «YPG» und die Assad-Armee gemeinsam gegen die von Ankara unterstützten Dschihadisten.

Türkei droht Assad

Die Türkei jedenfalls scheint eine solche Allianz in Betracht zu ziehen. Bei einem Besuch in Amman drohte der türkische Aussenminister Mevlüt Cavusoglu unverhohlen mit Angriffen auf die syrische Armee, falls sie in der Region Afrin der kurdischen «YPG» zur Hilfe kommen würde. «Niemand und nichts» könne dann die türkischen Soldaten stoppen, warnte der Minister.

Sollte die Assad-Armee jedoch nach Afrin kommen, um die «YPG» oder die «PKK» von dort zu vertreiben, sei dies «kein Problem», fügte Cavusoglu einschränkend hinzu. Ob die türkische Armee in einem solchem hypothetischen Fall aus Syrien abziehen und der Assad-Armee die Grenzsicherung überlassen würde, sagte der Türke nicht.

Beobachter halten es für möglich, dass über das weitere Vorgehen der Kampfparteien am Ende in Moskau und Washington entschieden wird. Ohne russisches Einverständnis dürfte die Assad-Armee wohl kaum in Afrin einrücken. Der türkische Staatspräsident Erdogan hat dagegen deutlich gemacht, dass er in Syrien eigene Wege gehen will und Weisungen der Supermächte notfalls auch ignoriert. Auch wenn es der Nato-Partner USA ist.