1. Was steht in dem Meinungsbeitrag in der «New York Times»?

Der Titel lautet: «Ich bin Teil des Widerstands innerhalb der Trump-Regierung.» Der Untertitel: «Ich arbeite für den Präsidenten, aber gleichgesinnte Kollegen und ich gelobten, Teile seiner Pläne und seine schlimmsten Neigungen zu unterbinden.» Im Artikel selber steht dann: «Es ist nicht der übliche Widerstand von links. Wir möchten, dass die Regierung Erfolg hat und denken, dass viele ihrer Entscheide Amerika sicherer und prosperierender gemacht haben.» Doch Trump untergrabe republikanische Ideale, seine Impulse seien «anti-demokratisch», gegen Freihandel und gegen die freie Presse gerichtet.

2. Wer steckt dahinter?

Das ist nicht bekannt. Mehrere Regierungsmitglieder sahen sich genötigt, mitzuteilen, dass sie es nicht waren. Die Person ist aber durchaus republikanisch: Sie lobt die Deregulierungen, die Steuersenkungen und die Armeefreundlichkeit der Administration.

3. Was sind die Motive des Verfassers?

Der Redaktor der «New York Times», dem die Kolumne über einen Mittelsmann angeboten wurde und der dann mit dem Autor oder der Autorin selbst gesprochen hat, stellte selber Vermutungen an: Die Person wolle die Amerikaner beruhigen und ihnen mitteilen, dass es «Erwachsene im Weissen Haus» gebe, die sich ihrer Verantwortung bewusst seien. Allerdings könnte es auch ganz anders sein: Will der Verfasser nicht ganz einfach – zwei Monate vor den US-Zwischenwahlen – den Präsidenten destabilisieren und seinen Gegnern Auftrieb geben?

4. Warum hat der Autor die «New York Times» ausgewählt?

Die «New York Times» ist neben der «Washington Post» die publizistische Speerspitze des Widerstands gegen Trump. Sie ist angesehen und hat weltweit Millionen von Lesern. Anonyme Beiträge sind an sich verpönt. Der zuständige Redaktor sagte, die «New York Times» verzichte bei Gastkolumnen nur dann auf den Namen, wenn der Verfasser sonst «in Gefahr» wäre. Das sei hier der Fall, denn der Regierungsmitarbeiter würde seinen Job verlieren.

5. Was sagt die Konkurrenz?

Das konservative «Wall Street Journal» kritisierte die Publikation. Man könne sich nicht erinnern, je einem Regierungsmitglied Anonymität für eine Kolumne angeboten zu haben, hiess es in einem Leitartikel.

6. Wie reagiert Donald Trump?

Er verurteilte die anonyme Veröffentlichung und die «Versager-Zeitung» an einer Wahlkampfveranstaltung. Er deutete an, dass die Quelle erfunden sei. Auf Twitter legte er nach: Die Redaktion müsse den «feigen Verfasser» outen, aus Gründen der nationalen Sicherheit. «VERRAT?», fragte er in Grossbuchstaben.

7. Wie reagieren die Amerikaner?

Laut «New York Times» erzielte der Artikel im Internet Rekord-Klicks. In den Kommentaren kritisierten aber viele Leser den anonymen Verfasser. Am meisten Empfehlungen erhielt dieser Kommentar: «Sorry, aber ich lese hier, dass der Autor und seine Kollegen bereit sind, einen unmoralischen Präsidenten zu tolerieren, um ihre eigene Agenda zu verfolgen.» Am zweitmeisten Empfehlungen gab es für diesen Eintrag: «Der Text ist die Bestätigung eines Staatsstreichs in den USA.»

8. Ist die Feststellung des Autors oder der Autorin, dass es im Weissen Haus «zwei Regierungen» gebe, überhaupt glaubwürdig?

Durchaus. Die Widersprüche zwischen Trumps Reden und Tweets und dem, was die Regierung effektiv tut, sind offensichtlich. Beispiel Russland: Trump sagt und twittert nur Nettigkeiten über Putin, doch die Regierung beschloss scharfe Sanktionen; Trump scheint in der Russland-Frage im eigenen Team isoliert. Über Twitter kündigte er wiederholt auch bei anderen Themen konkrete Massnahmen an, doch danach passierte nichts. Was keiner sagen kann: Wie würde Amerika regiert, wenn es in der Administration diese «Widerstandskämpfer» nicht gäbe?

9. Schadet die Rebellion von innen dem Präsidenten?

Kaum. Vielleicht nützt sie ihm sogar. Denn die Kolumne stützt Trumps Märtyrer-Narrativ: Das Establishment in Medien und Politik wolle ihn, den demokratisch gewählten Präsidenten, unterminieren oder gar absetzen. Den gleichen Effekt könnte das neuste Anti-Trump-Buch des Enthüllungsjournalisten Bob Woodward haben. Trump beschwor demonstrativ die «grossartigen Umfragewerte», die er geniesse. Grossartig sind sie aber nur beim republikanischen Teil der Bevölkerung. Bei den Zwischenwahlen haben die Demokraten realistische Chancen, die Mehrheit im Kongress zurückzuholen.

10. Ist Trump noch handlungsfähig?

Absolut. Diese Woche stiegen die Chancen, dass sein Kandidat für das oberste Gericht, Brett Kavanaugh, vom Senat bestätigt wird. Es wäre ein Erfolg mit grossen Auswirkungen. Richter am Supreme Court sind auf Lebzeiten gewählt, der 53-jährige Kavanaugh könnte im Gericht auf sehr, sehr lange Zeit hinaus eine rechte, konservative Mehrheit sicherstellen.