Es ist nicht überliefert, wie Verteidigungsminister Jim Mattis und der ranghöchste amerikanische General – Generalstabschef Joseph Dunford – reagierten, als Präsident Donald Trump ihnen Mitte Januar verkündete: «Ich will eine Militärparade.» Wirklich überrascht wird die Führungsriege des Pentagon angesichts dieses Marschbefehls aber wohl nicht gewesen sein; seitdem sich Trump am französischen Nationalfeiertag die traditionelle Parade auf der Avenue des Champs-Élysées in Paris angeschaut hat, spricht der US-Präsident regelmässig über das Spektakel, das ihm geboten wurde.

Eine «Feier zu Ehren der amerikanischen Streitkräfte» schwebe Trump vor, hiess es am Dienstag im Weissen Haus, nachdem die «Washington Post» den Befehl des Präsidenten publik gemacht hatte.

Die logistischen Details einer solchen Parade werden den Planern des Verteidigungsministeriums noch zahlreiche schlaflose Nächte bereiten. Die Gedankenspiele im Weissen Haus deuten zudem darauf hin, dass Trump im Kalten Krieg stecken geblieben ist – in dem die Zurschaustellung der militärischen Schlagkraft ein wichtiges psychologisches Instrument im Konflikt der Supermächte darstellte. (Allerdings verzichteten die Amerikaner selbst im Kalten Krieg auf regelmässig durchgeführte Paraden.)

Ersparte Arbeit für den Feind

Erinnerung an den Kalten Krieg weckt auch die atomare Aufrüstung, die der Präsident in Auftrag gegeben hat. Zwar ordnete bereits sein Vorgänger Barack Obama im Jahr 2010 an, das nukleare Arsenal der amerikanischen Streitkräfte zu modernisieren. Trump will das Gewicht nun aber stärker auf die Abschreckung legen. Amerika müsse künftig über ein «so starkes und mächtiges» Arsenal von Atomwaffen verfügen, dass sämtliche Feinde von einem aggressiven Akt gegen die USA absähen, sagte der Präsident während seiner Rede zur Lage der Nation.

Ähnlich formulierte es Verteidigungsminister Mattis vorige Woche, als das Pentagon ein neues Grundlagenpapier zum Atomwaffen-Arsenal («Nuclear Posture Review») vorstellte. «Wir müssen der Realität in die Augen schauen», sagte er. Der Feind rüste auf und Amerika müsse Schritt halten. (Detail am Rande: Um dem «Feind» Arbeit zu ersparen, wurde die 16 Seiten zählende Zusammenfassung des Berichts auch in einer russischen, chinesischen und koreanischen Internet-Version publiziert.)

1600 Milliarden Dollar bis 2040

Adressaten der neuen Politik sind geopolitische Antagonisten wie China, Nordkorea, Russland oder Iran. So will das Pentagon künftig auch Raketen aus U-Booten abschiessen, die mit «low-yeld nukes» ausgestattet sind, Mini-Atomwaffen mit einer vergleichsweise geringen Sprengkraft. Damit will das Verteidigungsministerium auf entsprechende russische Pläne reagieren und der Befürchtung entgegentreten, dass die Amerikaner einem Alliierten nach der Zündung einer «kleinen» Atombombe nicht zur Seite stehen könnten – weil die amerikanischen Waffen über eine zu grosse Sprengkraft verfügten.

Mattis deutete diese Woche während eines Auftritts in einem Parlamentsausschuss an, dass diese Planspiele auch taktisch motiviert seien. Amerika wolle im globalen Ringen um die atomare Vorherrschaft über ein Verhandlungspfand verfügen. «Ich will sicherstellen, dass unsere Verhandlungsführer etwas zu verhandeln haben», sagte der Verteidigungsminister. Im Übrigen habe er derzeit keine Ahnung, wie er die geplante Modernisierung des Atom-Arsenals finanzieren solle. Gemäss vorsichtigen Schätzungen belaufen sich die Kosten auf 1600 Milliarden Dollar bis ins Jahr 2040.

Mattis betonte während seines Auftrittes auch, dass die USA sich immer noch an sämtliche Abrüstungsverträge halten wollten. Und dennoch werden die neuen Töne in der amerikanischen Hauptstadt nicht von sämtlichen Kreisen goutiert. So kommentierte die «Washington Post» diese Woche: Beweise für die These, dass Amerika sich eine Mini-Atombombe beschaffen müsse, weil eine solche Waffe als Abschreckungsmittel diene, «sind nur schwer zu finden». Schliesslich wisse jeder Feind, dass die amerikanischen Streitkräfte innerhalb von 30 Minuten mit «erstaunlicher Präzision» zuschlagen könnten.