Endlich! Nach langen Ankündigungen ist die legendäre Alpine A110 wieder zurück auf der Strasse. Und schon auf den ersten Blick wird klar: Man hat sich bei Renault richtig Mühe gegeben, um die Mitte der 90er-Jahre eingeschläferte Marke wieder zurückzubringen. Offiziell gegründet wurde Alpine 1955 von Jean Rédélé, einem Renault-Händler aus Dieppe in der Normandie. Rédélé war passionierter Rennfahrer und verbesserte seine Renault-Modelle stetig, um bei Bergrennen und Rallyes erfolgreich zu sein; daraus entstand schliesslich die Marke Alpine als Hommage an den Sieg beim Alpenpokal 1954.
Die Autos von Alpine waren schon damals nach einem einfachen Erfolgsrezept gebaut: kompakt, handlich und vor allem leicht. Das galt auch für die berühmte A110, mit der die französische Marke mit Unterstützung von Renault 1973 als erster Hersteller überhaupt einen Rallye-Marken-Weltmeistertitel gewann.  Nach der erfolgreichen A110 wurde es aber immer ruhiger um die Sportwagenschmiede, bis der neue Besitzer Renault die Marke schliesslich fallen liess.
Umso mehr freuten sich die Enthusiasten auf das lange angekündigte Comeback. Die Frage war nur: Wie ernsthaft will Renault Alpine wieder zurückbringen?

Die Idee lebt weiter

Eins steht fest: Man kann Renault nur loben für die Konsequenz, mit der dieses Projekt angegangen wurde. Das beginnt schon beim Design des neuen Sportwagens – eine glaubwürdige Fortsetzung der A110, wie sie bis 1977 gebaut wurde. Kein einfacher Retro-Abklatsch, sondern eine gekonnte, stilsichere Weiterentwicklung, als wäre das Coupé nie weg gewesen. Das freundliche Gesicht mit den vier runden Leuchten, die mittige Kante in der vorderen Haube und das fliessende Heck mit der kuppelartigen Heckscheibe: Alles ist noch da und wurde liebevoll in die Neuzeit gebracht.

Vor allem aber ist die Alpine A110 noch immer ein kleines, zierliches Auto. Natürlich deutlich grösser als die Vorgängerin, doch gemessen an heutigen Massstäben eben weiterhin winzig: 4,18 Meter lang und 1,78 Meter breit; also ungefähr so gross wie ein Renault Clio, aber nur 1,25 Meter flach. Ein erster Hinweis darauf, dass man sich nicht nur beim Design am Urahnen orientiert hat.
Das komplett neu konstruierte Chassis ist zu 96% aus Aluminium gebaut, um das Gewicht möglichst tief zu halten. Nur knapp 1,1 Tonnen bringt die Französin auf die Waage; vollgetankt, wohlgemerkt. Der Motor wanderte im Vergleich zur Ur-Alpine nach vorne. Mittelmotor statt Heckmotor für eine ausgewogenere Gewichtsverteilung. Das Triebwerk an sich stammt aus dem Renault-Regal. Ein 1,8-Liter-Turbo, wie er beispielsweise auch im Mégane R. S. zum Einsatz kommt. Im Sportcoupé leistet er 252 PS und 320 Nm, die er über ein 7-Gang Doppelkupplungsgetriebe an die Hinterachse bringt. Für einen modernen Sportwagen mögen diese Zahlen zunächst schon fast bescheiden wirken, doch das geringe Gewicht sorgt für andere Massstäbe. Die Alpine A110 muss sich in Sachen Fahrleistung nicht verstecken; 0–100 km/h sind in 4,5 Sekunden möglich, die Höchstgeschwindigkeit liegt dank günstiger Aerodynamik bei 250 km/h.

Mit Leichtigkeit dabei

Um die Talente der neuen A110 zu erfahren, anstatt sie nur erahnen zu können, soll sich die blaue Flunder auf einem Trackday von Sportfahrer.ch auf dem Rundkurs von Anneau du Rhin im grenznahen Elsass behaupten. Hier trifft sich ein bunt gemischtes Starterfeld zum freien Fahren auf der Rennstrecke. Es geht freilich nicht um Rundenrekorde und dergleichen; trotzdem ist der Vergleich zu anderen Autos interessant; gerade wenn man ein Auto wie die neue Alpine mit deutlich leistungsstärkeren Autos vergleichen kann.
Einerseits kann man der leichten Französin einen gewissen Heimvorteil attestieren, was vor allem daran liegt, dass der Rundkurs nahe Mühlhausen eher kurvig ausgelegt ist, andererseits muss man auch bedenken, dass die A110 mehr auf verwinkelte Landstrassen denn auf echte Rennstrecken ausgelegt ist. Davon zeugen die Bereifung, reine Strassenreifen im eher schmalen Format (205er-Reifen vorne, 235er hinten), und das vergleichsweise weich ausgelegte Fahrwerk, das durchaus Seitenneigung zulässt. Damit ist der Fahrspass auf Pass- und Landstrassen zweifellos grossartig; doch funktioniert dieses aussergewöhnliche Konzept auch auf der Strecke?
Diese Frage beantwortet die zierliche Französin auf eindrückliche Weise – und hält auch mit stärkeren und sportlicher bereiften Sportlern wacker mit.
Das liegt nicht nur am erstaunlich kräftigen Vortrieb, sondern vor allem auch an der Art und Weise, wie die A110 Kurven in Angriff nimmt. Durch das geringe Gewicht kann man spät und effektiv bremsen. Und: Man spürt jederzeit, wie es um den Grip an den Rädern steht. Die Alpine verfügt über eine aufwendige Fahrwerkskonstruktion mit doppelten Dreiecksquerlenkern an allen vier Rädern. Das sorgt dafür, dass die Auflagefläche der Reifen immer konstant bleibt, auch wenn sich der Wagen in der Kurve neigt. Im Zusammenspiel mit der perfekten Gewichtsbalance macht das die Flunder ausserordentlich gutmütig. Sie ist extrem leicht zu kontrollieren, auch bei ausgeschalteten elektronischen Helfern. Unter Last bleibt das Heck aufgrund des offenen Differenzials trotz Hinterradantrieb sehr stabil, dafür reagiert die Französin fein auf Lastwechsel und lässt sich so jederzeit zum dosierten Übersteuern hinreissen. Das alles geschieht fliessend und ohne Überraschung. So schöpft man schnell Vertrauen – und kann die pure Fahrfreude geniessen.

Gerüstet für den Alltag

Das ist umso erfreulicher, weil die neue A110 trotz geringem Gewicht alltagstauglich bleibt. Navigation, Klimaanlage und die nötigsten Fahrhilfen sind an Bord und dank automatischer Schaltung und ausreichend Federungskomfort sind auch lange Strecken problemlos möglich. Gelungener hätte das Comeback der legendären Marke kaum ausfallen können; die A110 schafft es auf Anhieb, sich unter die besten Sportwagen einzureihen; nicht zwingend, wenn es um Rundenzeiten und reine Leistungswerte geht, dafür aber umso mehr, wenn es um puren Fahrspass geht. Und das zu einem Preis ab 61 500 Franken und bei einem obendrein vernünftigen Verbrauch von 6,1 l/100 km laut Werk.