11 Sekunden liegen zwischen dir und dem Himmel: So lange dauert es, bis der Mercedes-AMG GT C Roadster sein kleines Stoffmützchen hinter die Sitze gefaltet hat; auch während der Fahrt mit bis zu 50 km/h. Einem Sportwagen das Dach zu nehmen, das ist eine Medaille mit zwei Seiten. Das Fahren unter freiem Himmel wird zweifelsohne intensiver. Ungefilterter. Gerade, wenn unter der Haube ein starker V8 für Vortrieb und vor allem Klangspektakel sorgt. Andererseits ist der Wandel zum Cabrio Gift für sportliches Fahrverhalten. Um die Stabilität, die normalerweise das Dach garantiert, wieder herzustellen, braucht es zusätzliche Versteifungen, damit die Karosse nicht zu instabil wird. Das drückt auf Beschleunigung und Kurvenverhalten.
Insofern hat sich Mercedes-AMG bei der Lancierung des Roadsters geschickt angestellt. Denn der Offene ist nicht nur als GT Roadster mit 476 PS zu haben, sondern als neue Leistungsstufe nun auch als GT C, der sich über dem bisherigen GT S mit 510 PS einordnet. Das C bringt aber mit 557 PS nicht nur eine gute Portion mehr Power, was hilft, das um rund 90 kg gestiegene Gewicht auf den Geraden zu verstecken, sondern auch einen wichtigen Kniff beim Fahrwerk mit sich. Die Kotflügel an der Hinterachse wuchsen um rund 50 Millimeter in die Breite, um Platz für dicke 305er-Reifen zu schaffen. Wie schon beim GT S sorgt auch hier ein elektronisch geregeltes Sperrdifferenzial für guten Grip.

Mehrgewicht kaum spürbar
Zusätzlich bekommt die neue Variante eine aktive Hinterachslenkung, die für alle anderen Varianten als Option zu haben ist. Sie lenkt die Hinterräder mit lediglich 1,5 Grad leicht entgegen die Vorderachse, bei Geschwindigkeiten von mehr als 100 km/h in dieselbe Richtung der Vorderräder. Damit fühlt sich der GT bei höheren Geschwindigkeiten stabiler an, bei tieferem Tempo lenkt er agiler ein und baut mehr Traktion auf. Das Mehrgewicht des Roadsters ist damit kaum mehr zu spüren; auch weil die Karosserie dank einigen Verstärkungen im Unterboden genügend Stabilität beibehält und auch auf schlechten Strassen nicht ins Zittern kommt. Dazu trägt auch der gute Federungskomfort bei, den man dem GT C Roadster allen sportlichen Ambitionen zum Trotz mit auf den Weg gegeben hat. Lediglich etwas höhere Windgeräusche muss man im Innenraum in den Kauf nehmen. Auf ein schwereres, besser isoliertes Akustik-Verdeck hat man aber bewusst verzichtet; es würde nicht zu einem reinen Sportwagen passen und wird nur in den vierplätzigen Cabrios verbaut. Auch die Abrollgeräusche sind aufgrund der breiten Sportreifen etwas erhöht; aber das gehört wohl ebenfalls zum Sportwagen-Erlebnis des Roadsters. Die dunkle Seite der Medaille hat Mercedes damit erfolgreich versteckt. Bleibt die Sonnenseite.

Hut ab!
Die Sonnenseite präsentiert der GT C Roadster bei der ersten Ausfahrt in Arizona, USA. Knapp 30 Grad Aussentemperatur, Sonne und kurvige Bergstrassen. Der Roadster ist in seinem Element – und lässt seine Insassen intensiv am Geschehen teilhaben. Das beginnt beim feinen Wind, der durchs Haar streicht, und setzt sich fort, wenn der Wagen in den Sportmodus geschaltet wird. Die Klappen in der Abgasanlage stellen sich auf Durchzug und lassen die Vier-Liter-Maschine gross aufspielen und beim Runterschalten freudig Bollern. Lenkung und Fahrwerk werden straffer und bieten damit beste Möglichkeiten, den Roadster zu erleben. Du sitzt weit hinten, praktisch auf der Hinterachse. Das ganze Auto liegt praktisch vor dir und wartet darauf, präzise in den nächsten Kurvenscheitel platziert zu werden. Das braucht allerdings etwas Eingewöhnung, vor allem, weil sich die Lenkung bewusst leichtgängig gibt.
Das wirkt zu Beginn vielleicht etwas distanziert – in Tat und Wahrheit liegt das aber vor allem an mangelnder Sensibilität des Fahrers. Denn die Lenkung liefert viel Rückmeldung; man darf den Stern einfach nicht zu hart anfassen. Man dirigiert ihn mit feiner Hand. Präzise und ohne überflüssige Hektik. Dieses Erlebnis wird durch die Sitzposition verstärkt. Du sitzt fast auf der Hinterachse. Die mächtige Haube und damit fast das gesamte Auto liegt vor dir. Daran musst du dich gewöhnen. Ist das geschehen, lässt sich der GT wunderbar durch die geschmeidig geschwungenen Landstrassen rund um Scotsdale dirigieren. Die Kurvenkombinationen auf den hügeligen Streckenabschnitten sind einprägsam, scheinen geradezu logisch berechenbar. Die Strasse ist in den Biegungen leicht überhöht. Schnell findest du den Rhythmus. Zirkelst die lange Schnauze gefühlt auf den Millimeter genau in die Kurve, ziehst eine präzise Linie und beschleunigst auf die nächste Gerade, während der V8-Klang von den Felswänden widerhallt.
Besonders beeindrucken kann der Roadster mit seiner Traktion aus engen Biegungen hinaus. Die Kombination aus intelligentem Differenzial, griffigen Reifen, Hinterachslenkung und perfekter Balance zeigt Wirkung und lässt den gut 1700 kg schweren Wagen spielerisch aus Kurven beschleunigen. Selbst wenn die Hinterachse mit den maximal 680 Nm des Biturbo-Motors mal überfordert ist, kündigt sich das fliessend an und ist leicht zu kontern; sofern man sensibel genug auf die Rückmeldung der Lenkung achtet. Trotz bulliger Backen an der Hinterachse und brachialer Turbo-Gewalt unter der Haube: Im Herzen bleibt der GT auch in der stärkeren Version und als Roadster ein feines, präzises Gerät.

Zwischen Pool und Kaktus
Um dieses Gesamtpaket zu erleben, benötigt man Sonne, faszinierende Landschaften und tolle Strecken. Dafür stehen die Chancen ab Ende April, wenn der Roadster bei uns auf die Strasse rollt, gut. Noch mehr Gelegenheiten, den offenen Traum zu erleben, wird man allerdings in Arizona finden. Über 300 Sonnentage zählt man hier im Jahr. Mehr als auf Hawaii oder in Florida. Kein Wunder also, sind 43 Prozent aller Liegenschaften mit Swimmingpool ausgestattet. Die Landschaft um die roten Felsen in Sedona ist aber nicht nur ein Mekka für Sonnenhungrige. Über 90 Hollywood-Streifen wurden hier gedreht. Zwischen den Kakteen und kargen Felslandschaften kann man die grosse Freiheit im Wilden Westen förmlich riechen.
Die grosse Freiheit bei AMG hat allerdings ihren Preis. Mindestens 167 000 Franken sind für den GT Roadster zu berappen. 14 100 Franken mehr als für das identisch motorisierte Coupé. Wer die ausgestellten Kotflügel und die 557 Pferde des GT C erleben will, sollte mindestens 203 000 Franken hinlegen. Ende 2017 folgt der GT C zudem noch als Coupé; die 557 PS mit festem Dach gibt es derzeit nur im Sondermodell «Edition 50» zum 50. Jubiläum der Mercedes-Sportabteilung. Mit dem Roadster haben sich die Schwaben ein weiteres Geburtstagsgeschenk gemacht.