Ob ich denn auch denke, dass das Auto mehr Leistung bräuchte, fragt der japanische Ingenieur. Denn die Frage nach der Leistung war bei der ersten Präsentation des gelifteten GT86 in Rovaniemi, Finnland, allgegenwärtig. Natürlich ist Mehrleistung in einem Sportcoupé immer willkommen. Und mit seinen 200 PS ist das japanische Coupé bestimmt nicht übermotorisiert. Aber: Mehr Leistung würde eben auch das Konzept dieses Spassmachers verfälschen. Denn im GT86 geht es nicht um Leistungsdaten, es geht um Balance, Gefühl und Spass am Autofahren.

Das lässt sich hier in Lappland, wo im Winter die Tage kurz und die Temperaturen tief sind, besonders gut erfahren. Denn Leistung allein bringt hier nichts. Um geschmeidig und flott voranzukommen, braucht es Gefühl, Rückmeldung und Präzision. Es braucht ein Auto, mit dem du eins werden kannst, das dich direkt am Fahrgeschehen teilhaben lässt und einfach nur Spass bringen will. Ein Auto wie der GT86.

Genial, weil simpel

Gut möglich, dass der G86 in ein paar Jahrzehnten zum beliebten Klassiker wird. Denn er vertraut auf ein simples und zugleich geniales Rezept: Er ist gebaut, um reinen Fahrspass zu bieten. Hinterradantrieb, fein dosierbarer Saugmotor, Handschaltung – eine Automatik gibt es gegen Aufpreis –, geringes Gewicht und kompakte Abmessungen.

Toyota montiert bewusst schmale Reifen. Breitere Schlappen würden zwar Grip und Traktion verbessern, würden das Fahrverhalten aber auch giftiger machen. Auf der Strasse ist das kontraproduktiv, denn ein Sportwagen für die Strasse soll auch bei vernünftigen Geschwindigkeiten schon viel Spass bieten.

Für die Testfahrten in Lappland hat man dem GT86 Spike-Reifen spendiert. Das zahlt sich aus, denn bei Eis und Schnee kann er natürlich in Sachen Traktion nicht mit den modernen Allrad-Elektronik-Monstern mithalten, was man vor allem beim Anfahren deutlich spürt. Trotz Drehmomentfühlendem Differenzial scharrt es hinten ein wenig, bevor das Coupé Fahrt aufnimmt. Einmal in Bewegung, ist aber alles in Ordnung. Der Motor hat mit gut 1200 kg Leergewicht nicht allzu viel Ballast zu bewegen. Wer aber flott vorankommen will, muss runterschalten und dem Motor mindestens 4500 Umdrehungen gönnen; der 2-Liter-Boxer ist eben ein klassischer, sportlich ausgelegter Saugmotor, der auf jeden Fall genug Vortrieb bringt, um das grossartige Fahrverhalten des 2+2-Plätzers zu geniessen. Im Idealfall natürlich auf abgesperrter Strecke.

Begnadeter Tänzer

Platz gibt es in Lappland mehr als genug. In der verschneiten Winterlandschaft findet sich in der Nähe von Rovaniemi, gut versteckt in einem Tannenwald, ein grosszügiges Testgelände. Mit viel Platz für Slalom- und Drifteinlagen und einer Rallye-Piste durch den verschneiten Wald. Der GT86 ist das ideale Spielzeug, um hier winterlichen Fahrspass zu erlernen.

Neu haben die Techniker dem Sportcoupé einen «Track-Modus» für die elektronische Stabilitätsregelung einprogrammiert. So kann man das ESP nicht nur komplett an-, was auch auf diesem rutschigen Terrain für absolut narrensicheres Fahrverhalten sorgt, oder ausschalten, sondern auch einen Zwischenschritt aktivieren.

Der Track-Modus erlaubt kontrollierte Drifteinlagen. Wird der Driftwinkel aber grösser als eine halbe Lenkradumdrehung, nimmt die Elektronik die Leistung zurück, um einen Dreher zu vermeiden. Das macht das Fahren gerade auf Eis und Schnee sicherer, ohne dem Fahrspass im Wege zu stehen. Wer genügend Platz zur Verfügung hat, kann den elektronischen Helfer aber bedenkenlos auch komplett in den Winterschlaf schicken.

Präziser Lernbegleiter

Denn erst mit komplett deaktivierter Elektronik erwacht der GT86 so richtig zum Leben. Dank der direkten und gefühlvollen Lenkung, der perfekten Balance und dem gleichmässig arbeitenden Differenzial verschmilzt das Coupé regelrecht mit dem Fahrer, und es gibt ihm stets passende und stets präzise Rückmeldungen für einen Tanz im Schnee, mit gefühlvollen Drifts und präzisen Richtungsänderungen – sei es auf der Kreisbahn oder auf der Rallye-Piste im Wald. Der GT86 demonstriert eindrücklich, warum er ein perfekter Begleiter ist, um das sportliche Fahren zu erlernen: Weil er dich eben nicht mit einer Leistungs- und Drehmomentkeule erschlägt, sondern sensibel dirigiert werden will. Bist du seinem Charme erst mal erlegen, rückt die Frage nach der Leistung ohnehin in den Hintergrund. Auf Eis und Schnee erst recht.

Das Facelift hat an diesem unterhaltsamen Charakter nichts geändert. Der zarte Feinschliff bringt die Vorzüge aber noch einen Tick besser zur Geltung. Nicht zuletzt dank dem nun etwas kleineren und mit Leder bezogenen Lenkrad und allgemein etwas hochwertiger gestalteten Cockpit.

Zudem spendiert Toyota dem Sportler neue Anzeigen für Leistung, Drehmoment, Querbeschleunigung und Temperatur, was den Sportwagen-Geist noch etwas mehr aufleben lässt. Mit dem Navigationssystem der neuesten Generation ist man auch für den Alltag bestens gerüstet.

Der GT86 kostet ab 34 900 Franken; in diesem Preissegment ist er einer der wenigen Vertreter, der sich wie ein echter Sportwagen anfühlt – und obendrein ein Spassmacher, der seinen Fahrer zum korrekten sportlichen Fahren erzieht. Allerdings braucht es etwas Zeit, um die Talente des japanischen Handling-Wunders zu ergründen. Eine kurze, halbstündige Testfahrt reicht dafür nicht aus; man würde sich danach höchstens über fehlende Pferdestärken beklagen. Allerdings zu Unrecht.