Es war noch ein Stück beschaulicher, damals in den 1970ern. Vor der Markteinführung wurde ein neues Automodell für die Entwicklungsfahrten nicht etwa aufwendig verklebt und getarnt, man schrieb einfach einen anderen Namen drauf. Der erste Range Rover, der 1970 erstmals der Öffentlichkeit gezeigt wurde, bekam so den Tarn-Namen «Velar» verpasst. Das liess sich einfach aus den schon bestehenden «Land Rover»-Schriftzügen kreieren, ohne dass neue Buchstaben angefertigt werden mussten. «Velar» ist Latein und heisst so viel wie «verhüllen» oder «verbergen». Nun besinnt sich Land Rover wieder auf die Anfänge der Edel-Linie «Range Rover» und nennt den jüngsten Spross dieser Dynastie wieder Velar; diesmal aber ganz offiziell. Der neue Velar soll die grosse Lücke zwischen dem kompakten Evoque und dem ausgewachsenen Range Rover Sport schliessen. Angesichts dieser Einordnung erstaunt es, dass der neue Velar mit einer Länge von 4,80 Metern nur knapp fünf Zentimeter kürzer baut, als der Range Rover Sport. Das ist aber nur die halbe Wahrheit.

Proportionen zählen
Äusserlich wirkt der Velar deutlich schlanker als sein grösserer Bruder. Nicht nur, weil er vier Zentimeter schmaler und satte neun Zentimeter flacher ausfällt, sondern vor allem auch, weil die Designer tief in die Trickkiste griffen. Das farblich abgesetzte Dach mit abfallender Linie, die klaren Kanten und Flächen und die grossen Räder (bis 22 Zoll) geben dem Velar eine deutlich andere Statur. Damit könnte der Plan seiner Macher aufgehen, auch Käufer zu gewinnen, die bis anhin eher zu einem grossen Kombi tendierten – zumal der Laderaum mit 673 bis 1731 Litern üppig ausfällt.
Die versenkten Türgriffe fahren aus und laden zum Einsteigen ein. Eine nette Spielerei, die das Augenmerk aufs Design beim Velar gekonnt unterstreicht. Leider fühlen sich die Türgriffe nicht ganz so edel an, wie sie aussehen. Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, findet man aber kaum. Denn innen erwartet den Velar-Fahrer eine völlig neue Welt.


Gründlich aufgeräumt
Der Velar schlägt für Land Rover ein neues Kapitel in Sachen Interieurdesign auf. Denn das Cockpit wurde radikal entrümpelt. Auf der Aramaturentafel sind gerade mal vier physische Bedienelemente geblieben: Warnblinker, Lautstärkenregler und zwei grosse Drehknöpfe. Diese sind auf einem Tablet-artigen Bildschirm verbaut und steuern je nach Situation andere Funktionen. So kann der untere Monitor als Klimaeinheit, zur Medienwiedergabe oder auch für die Auswahl der Fahrmodi dienen. Das System erfordert auf den ersten Metern zwar etwas Eingewöhnung, funktioniert aber schon schnell intuitiv und simpel. Alle Funktionen, die bisher über viele Knöpfe im unteren Teil des Cockpits geregelt wurden, sind nun elegant zusammengefasst. Die Navi-Einheit, wie man sie kennt, bleibt bestehen – und funktioniert flüssig und übersichtlich. Vieles bleibt aber auch, wie es in einem Range Rover eben sein soll: Die Sitzposition ist hoch und erhaben. Die verbauten Materialien wirken fast überall hochwertig und das Platzangebot ist luftig und grosszügig. Dazu passt, dass sich der Velar fährt, wie es sich für einen Range Rover gehört.


Klar definiertes Schweben
Im Gegensatz zum Konzernbruder Jaguar F-Pace, mit dem sich der Velar den Unterbau teilt, kommt der Range Rover mit Luftfederung auf die Strasse. Das passt, denn Sportlichkeit ist nicht das Wichtigste im Velar. Vielmehr geht es um entspannte Souveränität. Das heisst freilich nicht, dass man kurvige Strecken nicht auch sehr dynamisch zurücklegen kann: Die Lenkung spricht gut an, Seitenneigung bekämpft das Fahrwerk effektiv. Man kriegt durchaus mit, was an den Rädern geschieht, das entkoppelte Fahrgefühl der grossen Range Rover übernimmt der Velar nicht. Trotzdem federt er sehr komfortabel und geschmeidig. So lässt es sich auch verschmerzen, dass der sportlichere Fahrmodus nur sehr feine Unterschiede bringt; am besten fährt man ohnehin in der Komfort-Abstimmung.
Für die ersten Testfahrten standen die beiden vorläufigen Topmotorisierungen bereit: Der V6-Turbodiesel mit drei Liter Hubraum, 300 PS und 700 Nm und der V6-Kompressor-Benziner mit 380 PS und 450 Nm, ebenfalls aus drei Liter Hubraum. Zudem sind Vierzylindermotoren mit 180 oder 240 PS (Diesel) und 250 oder 300 PS (Benziner) erhältlich. Besonders passend wirkt der starke Diesel, da er sehr gleichmässigen Schub schon bei tiefen Drehzahlen bietet. Laut Norm begnügt er sich mit 6,4 l/100 km und erfüllt die EU6-Vorgaben.
Die Preise für den neuen Velar starten bei 63 500 Franken.

Range Rover Velar - Testfahrt Norwegen