Es hat sich viel getan in den letzten Monaten. Das Angebot an neuen E-Autos ist gewachsen und wird noch weiter zunehmen. Vor allem aber hat sich die Technik gewandelt. Das Elektroauto hat sich vom kompromissbehafteten Vehikel für begeisterte Technikfans zum alltagstauglichen, benutzerfreundlichen Auto entwickelt.
Zwei der wichtigsten E-Auto-Neuheiten, die 2017 auf die Strasse kamen, treffen im Vergleich aufeinander: Der umfangreich überarbeitete VW e-Golf und der lange erwartete Opel Ampera-e. Beide wollen die E-Mobilität massentauglich machen. Dafür hat VW dem e-Golf im Zuge seines Facelifts in erster Linie mehr Strom verpasst. Die Batterie speichert nun 35,8 statt wie bisher 24,2 Kilowattstunden. Das erhöht die Reichweite laut Prüfnorm von 190 auf 300 Kilometer. Wie bei einem Benziner oder Diesel der Verbrauchswert in der Realität von der Labormessung abweicht, muss man auch bei einem E-Auto mit anderen Werten rechnen; auch der Stromer verbraucht im Alltag mehr und kommt entsprechend weniger weit. VW verspricht aber, dass im realen Alltagsbetrieb 200 sorgenfreie Kilometer möglich sind.
Das muss der e-Golf im Test beweisen. Unter anderem auch bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt, was E-Autos erst recht zusetzen kann. Nicht nur, weil die Akkus bei Kälte weniger Strom liefern, sondern auch, weil die Heizung deutlich mehr zu tun hat. Bei einem Verbrennungsmotor steht immer genügend Abwärme zur Verfügung, um auch den Innenraum zu heizen. Der E-Antrieb funktioniert deutlich effizienter und produziert dadurch kaum Abwärme. Dank verbrauchsarmer Heizung über einen Wärmetauscher kann man es im e-Golf trotzdem wohlig warm haben. Und auch die Reichweite ist für den Alltag völlig ausreichend: Im gemischten Betrieb mit Stadt und Überlandfahrten, wo der e-Golf über die Bremsenergie-Rückgewinnung immer wieder etwas Strom zurückholen kann, sind die 200 Kilometer tatsächlich immer möglich.
Nachladen bis 80 Prozent dauert an einer Schnellladesäule rund 45 Minuten; das Navigationssystem hilft beim Finden, kann aber keine Routen mit Ladestopps planen. Das Navi macht insofern keinen Unterschied, ob es sich nun um einen Benzin-Golf oder eben um einen Stromer handelt. Hinzu kommt die Anzeige für die Restreichweite: Sie schwankt stark, abhängig vom momentanen Fahrstil. Eine verlässliche Aussage, ob der Strom bis zum Ziel reicht, ist damit schwierig.

Für den Alltag ausreichend
Das unterstreicht schliesslich den Eindruck, den der e-Golf im Test hinterlässt: Er ist der beste Golf, den man derzeit kaufen kann, solange man ihn nur für die täglichen Pendlerfahrten auf bekannten Strecken nutzt. Dann überzeugt er mit sehr gutem Federungskomfort, praktisch geräuschlosem, durchzugsstarkem Antrieb und natürlich mit der einfachen Bedienung und soliden Verarbeitung, wie man sie von einem Golf erwartet. Wagt man sich auf längere Strecken, so zeigt der e-Golf, dass das Konzept eines Elektro-Autos auf Basis eines herkömmlichen Verbrenners seine Grenzen hat, es lässt sich schlichtweg nicht genügend Akku-Kapazität unterbringen. Das will VW mit dem I.D, der ab 2019 als reines E-Auto auf den Markt kommen soll, ändern. Von Grund auf als Elektroauto konstruiert wurde der Opel Ampera-e. Der Vorteil: Der Unterboden ist auf eine grosse Batterie ausgelegt. Man muss die Batterie also nicht in die für Motor, Getriebe und Abgasanlage angelegten Hohlräume quetschen. So ist deutlich mehr Platz für Akku-Zellen. Das wird augenfällig, wenn man die Akkus von e-Golf und Ampera-e vergleicht: Mit einer Aussenlänge von 4,16 Metern ist der Opel fast zehn Zentimeter kürzer als der Golf. Mit einer Kapazität von 60 Kilowattstunden ist der Akku aber deutlich leistungsfähiger. Laut Norm-Messverfahren schafft der Ampera-e damit bis zu 520 Kilometer, bis er wieder an die Steckdose muss. Da kann kein anderes E-Auto in dieser Klasse mithalten.
Selbst bei winterlichen Strassenverhältnissen, entsprechend tiefen Temperaturen und hohem Autobahnanteil bleiben es noch über 300 Kilometer. Wer verbrauchsbewusst fährt und Heizung und Klimaanlage mit bedacht einsetzt, schafft gerne auch 400 Kilometer. Noch wichtiger: Die Anzeige für die verfügbare Reichweite funktioniert hier deutlich zuverlässiger. Sie zeigt nicht nur einen realistischen Richtwert an, sie liefert dazu auch noch einen Maximalwert, den man bei verbrauchsoptimierter Fahrweise erreichen könnte, und einen Minimalwert, den man selbst mit Bleifuss schafft. Damit lässt sich sehr gut abschätzen, wie weit der Strom noch reicht.


Allerdings: Die Ladestationen muss man im Ampera-e ohne Hilfe des Autos finden. Die Navigation ist ohnehin ausschliesslich über die Smartphone-Integration möglich. Um Ladestationen zu finden, muss man sich also die richtigen Apps auf dem Handy zurechtlegen. Die «Plugsurfing» (für iPhone und Android) erweist sich im Test als hilfreich und benutzerfreundlich. Damit kommt man auch unterwegs zu Strom. An einer Schnellladesäule kann der Opel in 30 Minuten wieder Strom für rund 150 Kilometer nachfassen. Das macht den Ampera-e in diesem Vergleich zum Sieger, weil man nicht nur den Alltag sorgenfrei elektrisch zurücklegen kann, sondern sich durchaus auch auf Reisen wagen kann – sofern man sich gut vorbereitet.
Dafür muss man allerdings auch etwas tiefer in die Tasche greifen: Während der VW e-Golf schon ab 40 750 Franken zu haben ist, kostet der Opel Ampera-e mindestens 46 900 Franken. Für beide gilt aber: Die Unterhaltskosten sind deutlich geringer als bei einem Verbrenner.