In den Gedanken vieler Konsumenten hat sich die Idee, in näherer Zukunft in einem Auto zu sitzen und nicht mehr selber zu lenken, als plausibles Szenario eingenistet. Die Frage stellt sich demnach nicht mehr ob, sondern wie autonomes Fahren unser Verhalten und unseren Alltag beeinflussen wird. Auf der CES in Las Vegas, der Leitmesse für Trendelektronik, nimmt denn das autonome Fahren einen immer grösseren Stellenwert ein, praktisch die ganze Nordhalle des Convention-Center ist dem Thema gewidmet. Die Gründe dieses Wandels liegen auf der Hand: Ein immens wachsender Einsatz von IT-Ressourcen für die autonomen Funktionen im Auto und die als wichtiges Nebenprodukt stark zunehmende Vernetzung im Wagen, Stichwort «Konnektivität», beginnen die traditionellen Grenzen zwischen Automobil- und Computer-Industrie aufzulösen.
Massiver Sicherheitsgewinn, flüssigerer Verkehr, Zeit für andere Tätigkeiten - das dürften die wichtigsten Verbesserungen sein, die autonomes Fahren dereinst bringen wird. Für die verschiedenen Punkte suchen heute alle Hersteller Antworten. Anhand der CES-Ideen von Rinspeed, BMW, Toyota und Hyundai werden vier Lösungsansätze ersichtlich.

Frank M. Rinderknecht mit dem Concept Rinspeed "Oasis".

Frank M. Rinderknecht mit dem Concept Rinspeed "Oasis".

Der Zumiker Auto-Visionär Frank M. Rinderknecht geht mit dem Concept «Oasis» auf die Grundausrichtung der künftigen urbanen Mobilität ein. 95% unseres Mobilitätsalltages ist sogenannte Nutzmobilität, schlichtes «Von-A-nach-B-kommen». Mit Hilfe der Konnektivität liessen sich der Verkehr optimieren und die Fahrkosten reduzieren: Denkbar ist eine Art Gelegenheits-Kurierdienst, indem über ein Portal für den Transport Waren oder Post gebucht werden, deren Abgangs- und Zielorte auf der eigenen Route liegen. Technisches Neuland ist auch das Anzeigesystem des Start-up WayRay: Die ganze Windschutzscheibe dient als Projektionsfläche von Fahr- und Infotainment-Infos, herkömmliche Displays entfallen. So würde ein solches System ohne Bildschirme zusätzlichen Freiraum in der Fahrzeuggestaltung schaffen.

BMW sieht die CES als Think-Tank und als Temperaturfühler für neue Ideen. Das Concept «Inside Future» spielt mit der Frage, wie ein Interieur künftig aussehen und welche neuen Technologien Eingang finden könnten. «Die komplett neue Fahrsituation, die ein autonomes Auto schafft, fordert neue Erlebnisse für die Insassen», sagt Holger Hampf, Leiter User Experience. Holografische Tasten (HoloActive) - eine Art frei schwebender Touchscreen - sorgen ebenfalls für neuen Bedienkomfort und neue Gestaltungsfreiräume. Technisch sagt BMW den vollautonomen Wagen für 2021 voraus. Zusammen mit dem Halbleiterriesen Intel, dem Kamerasystembauer Mobileye und mit Daimler und Audi wurde ein Konsortium gegründet, das laut BMW-Entwicklungsvorstand Klaus Fröhlich an einer skalierbaren, offenen Architektur für die autonomen Funktionen arbeitet. Projekt-i 2.0 ist für alle interessierten Hersteller offen.
Offene Plattformen sind auch bei andern Autobauern ein Thema, denn mit ihnen lassen sich die enormen Entwicklungskosten auf mehrere Schultern verteilen und gezielt Know-how nutzen. Ford und Toyota haben dazu das Smart Device Link Konsortium «SDL» gegründet, um eine möglichst vielfältige Integration von Smartphone-Apps ins Auto zu ermöglichen und den dominierenden Apple Carplay und Android Auto den Kampf anzusagen. Vernetzung und Konnektivität im Auto sind auch die Basis für gänzlich neue Geschäftsfelder (vgl. eingangs Rinspeed) und sie werden wie in Anwendungen ausserhalb des Autos zum intimen Assistenten, der bevorstehende Termine selbständig mit Routen- und Zeitplanung befüllt, damit man auch bei wechselnden Verkehrsbedingungen rechtzeitig ankommt.

Concept-i von Toyota.

Concept-i von Toyota.



Im Concept-i von Toyota reagiert das neue Interface Yui auf die Befindlichkeit des Fahrers, erlernt die Präferenzen und das Verhalten des Fahrers und kann so immer besser voraussehen, was der Fahrer will, was er braucht und wann er es braucht. Diese Lernfähigkeit fliesst auch in Assistenzsysteme ein, was deren Funktion immer besser werden lässt.

Mobility Vision von Hyundai.

Mobility Vision von Hyundai.


Hyundai war im 2009 der erste Autobauer, der auf der CES mit einem eigenen Stand vertreten war. Mit der nun gezeigten Mobility Vision integrieren die Koreaner das Auto in die Wohnlandschaft, nutzen beispielsweise die Fahrzeugsessel als Fauteuil in der Stube und verknüpfen die Klimatisierung von Fahrzeug und Wohnung für ein optimales Klima. Durch die Vernetzung und Konnektivität kann die während der autonomen Fahrt vollzogene Tätigkeit nach Ankunft zu Hause nahtlos weiter geführt werden, und sei es das Weiterschauen des unterwegs begonnenen Filmes.
So unterschiedlich die Ansätze der Hersteller erscheinen, alle suchen nach einem Weg, um die Beziehung zwischen Besitzer und Auto an die neuen Begebenheiten der autonomen Zukunft einzupassen. Und diese Begebenheit bringt unter anderem viel gewonnene Zeit im Auto, die der Fahrer nach eigenem Gusto nutzen sollte. Es ist die Auseinandersetzung damit, wie die urbane Mobilität im autonomen Auto ein positives Ereignis wird, und wie man Herr seiner Zeit bleibt.