Sie üben den gefährlichsten Beruf der Welt aus. Für die Sicherheit wird zwar alles Menschenmögliche getan. Aber anders als etwa in der Formel 1 ist und bleibt im Töff-Rennsport der Körper die Knautschzone. Inzwischen erreichen die Höllenmaschinen in der Moto2-WM mehr als 250  km/h Höchstgeschwindigkeit. Bei Tests, Trainings und Rennen fliegen die «Asphaltcowboys» pro Saison bis zu 15-mal aus dem Sattel.

Tom Lüthi musste nach zwei Stürzen im Training zum GP von Tschechien am 21.  August auf das Rennen verzichten. Er hatte eine Gehirnerschütterung erlitten. Heute fährt er beim GP von England wieder.Im Abschlusstraining ist er gestern erneut gestürzt, blieb aber unverletzt und startet heute von Rang 10.

Ist Tom Lüthi ein verrückter Bruchpilot? Nein. Er gehört zu den Piloten, die wenig stürzen (siehe Box). Die Liste seiner Verletzungen ist zwar eindrücklich, aber im GP-Zirkus nicht ungewöhnlich. Trotzdem drängt sich die Frage auf: Wie viele Stürze erträgt eine Karriere? Die Antwort ist einfach: Unzählige. Solange nur Knochenbrechen und Bänder reissen, solange nichtmedizinische Gründe zur Aufgabe zwingen,solange nicht die Seele bricht, haben Stürzekeine Folgen.

Die Gefahr ist allgegenwärtig. Deshalb gelten in diesem Geschäft zwei eiserne Regeln. Erstens: immer daran denken und alles tun, um Unfälle zu vermeiden – aber nie darüber reden. Zweitens: So schnell wie möglich wieder fahren. Zwangspausen fürchten alle wie der Teufel das geweihte Wasser. Es geht um etwas Grundsätzliches, ja Existenzielles: Wenn erst einmal durch eine längere Untätigkeit ein Denkprozess in Gang kommt, wenn also einer über seinen verrückten Sport nachzudenken beginnt, dann können Ängste aufkommen – und das ist dann das Ende der TöffKarriere.

Subito wieder fahren

Das Leben eines Rennfahrers ist intensiv und bei aller Professionalität ist es auch der Lebensstil: Die durchtrainierten Jungs sind immer in Bewegung, suchen das Limit, sind süchtig nach dem Risiko. Sie sind wie Extremsportler. Sie können, sie dürfen nicht zur Ruhe kommen. Wer zweifelt, wer auf einmal zurückschaut, kann einen Sport in der Todeszone nicht mehr ausüben.

Also subito wieder fahren! Das Reglement schreibt lediglich vor, dass sich einer aus eigener Kraft auf die Maschine schwingen muss – er darf nicht in den Sattel gehoben werden. Es wird heute allerdings keiner zum Start zugelassen, wenn es medizinisch nicht verantwortbar ist. Die medizinische Betreuung auf dem Rennplatz ist erstklassig und hoch professionell. Der Italiener Claudio Costa hat in den 1980er-Jahren das Projekt einer fahrbaren Klinik entwickelt. Daraus ist ein mobiles High-Tech-Spital geworden, das bei allen Rennen in Europa im Fahrerlager steht. Die Erstversorgung nach Unfällen ist garantiert und auch die Nachbehandlung ist exzellent.

Die Seele heilt nicht

Es sind harte Jungs, aber es sind seelisch zerbrechliche Titanen. Den Tod eines Berufskollegen können sie verdrängen. Auch Tom Lüthi hat schon zwei Konkurrenten durch den Tod auf der Rennpiste verloren. 2010 Shoya Tomizawa und diese Saison Luis Salom. Er war geschockt. Aber er hat diese Dramen verarbeitet. Doch es gibt Situationen, die einer nicht mehr meistern kann. 1993 wird Kevin Schwantz nur Weltmeister, weil Wayne Rainey stürzt und fortan an den Rollstuhl gefesselt bleibt. Schwantz hat nach fürchterlichen Stürzen, unzähligen Knochenbrüchen nie auch nur mit den Augen gezwinkert und ist immer wieder zurückgekehrt. Er schien auch den Sturz seines Rivalen verarbeitet zu haben. Aber dann kehrte Rainey im Frühjahr 1995 als Teammanager zurück. Die Präsenz seines einstigen Gegners im Rollstuhl im Fahrerlager wühlte Kevin Schwantz so auf, dass er kurz nach dem Saisonstart im Alter von 31 Jahren seine Karriere vorzeitig beendete. Seinen Körper konnte der Texaner immer heilen. Aber nicht seine Seele.