Das war Showtime! Vor genau 100 Tagen lud Baschi Dürr zum Zonen-Happening ins Kleinbasler Rotlichtmilieu. Kantonsangestellte malten unter Aufsicht des Sicherheitsdirektors und der Medien eine gestrichelte Linie und Piktogramme von Frauen, die sinnlich an eine Strassenlaterne lehnen, auf den Boden. Strassenlaternen gibt es zwar keine in der Toleranzzone und sinnlich geht es in der Strasse auch nicht zu. Aber Hauptsache, der Strich ist gestrichelt und die Probleme sind vom Tisch.

«Von wegen!», heisst es jetzt bei den Anwohnern des tolerierten Strassenstrichs. «Mit der aufgemalten Linie ist alles schlimmer geworden», sagt etwa Maria Wicki, die seit neun Jahren in einem schönen Altbau an der Webergasse wohnt. Sie muss den Lärm die ganze Nacht ertragen, da sich ihr Schlafzimmer auf der Seite zur Strasse befindet. Früher hat sich die Szene mehr verteilt.

Schlägereien, johlende Betrunkene, Geschrei, Musik, die aus den Kontaktbars schallt. Die einzige Lösung wäre es, das Bett in die Küche zu stellen. Bevor sich Maria Wicki aber dazu gezwungen sieht, verlässt sie lieber die Wohnung, die sie so sehr liebt. Erst neulich ist eine Familie weggezogen, weil sie es nicht mehr aushielt. Auch die anderen Mieter der Häuserzeile an der Webergasse sagen: So geht es nicht weiter!

Webergasse ist einziger Hotspot

Was ist passiert? Das Rotlichtmilieu war schon immer dort und auch die Toleranzzone ist längst definiert. Und jetzt diese Aufregung wegen eines bemalten Bodens? Genau! Denn: Bevor die Toleranzzone gekennzeichnet war, warben die Prostituierten auch ausserhalb der Zone um Freier. Beim Klingental um die Ecke war die Hölle los, was die Anwohner und das Hotel Balade störte. Dort war nie eine Toleranzzone, also wollten sie auch keine Frauen auf dem Platz. Die Stadt wusste Rat – und bemalte den Boden. Seither halten sich die Frauen im legalen Bereich auf und stehen sich dort auf den Füssen herum. Hinzu kommen die neuen Boulevardcafés, die seit dem Fahrverbot entstanden sind und noch mehr Männer anlocken.

«Der Stadt ist die Organisation der Prostitution in der Webergasse ausser Kontrolle geraten. Es werden mehr Frauen, die immer aggressiver anschaffen müssen, weil die Konkurrenz grösser und der Umsatz weniger wird. Und die Stadt gibt sich mit Scheinlösungen zufrieden», so Anwohnerin Rita Ziegler.

Flaute im düsteren Teichgässlein

Theres Wernli vom Stadtteilsekretarität Kleinbasel weiss um die Situation, sagt aber: «Ein Problem konnten wir lösen: Auf dem Klingentalplatz ist jetzt Ruhe.» Sie wisse, dass es damit nicht getan sei. Und stimmt den Anwohnern zu, wenn diese sagen: Der Kanton ist gefordert, ein grüner Strich reicht nicht. Die Anwohner tun bereits, was sie tun können: Sie verteilen Flyer mit Verhaltensregeln und wischen den Dreck weg, über den sie morgens stolpern. Doch sie wissen, dass es schlimmer wird, wenn die Stadt nichts tut. Diverse Milieubarone haben angekündigt, ihre Bordelle zu Wohnungen umzuwandeln. Viele Etablissements, die bleiben, befinden sich an der Webergasse.

Beim Sicherheitsdepartement ist von unterschiedlichen Herausforderungen die Rede. Man sei dabei, «gangbare Lösungen» zu finden. Gleichzeitig wird betont, dass ein Runder Tisch aufgelöst werden konnte, weil sich die Lage ausserhalb der Zone verbessert habe.

Das bestreitet niemand. Trotzdem: «Die Stadt muss anfangen, umzudenken», sagt Theres Wernli. Mit der Veränderung des Quartiers hin zu noch mehr Anwohnern und der Kumulierung der Prostitution auf wenige Trottoirstellen verschärfe sich die Lage. Wernli sieht trotzdem nicht schwarz: Das zur Toleranzzone zählende Teichgässlein sei stets leer, da unattraktiv. «Würde man diese Strasse, wo es keine Anwohner hat, aufwerten, wären zumindest für den Beginn einige Probleme gelöst», sagt Wernli. Um solche Ideen entwickeln zu können, brauche es aber eine mutige Regierung.