Einstürzende Kirchen, berstende Mauern, ein glühendes Flammenmeer: Der 18. Oktober 1356 war der schlimmste Tag in der Basler Geschichte. Ein Erdbeben der Stärke 6,6 erschütterte die Stadt. Der Chronist Conrad Wolffhardt schrieb, ein «erschröckenlich prasslen und weeklagen» habe danach tagelang durch die Gassen gehallt.

Um 16 Uhr begann der Basler Boden zu beben – ohne Vorwarnung. Die erschrockenen Menschen flohen zu Tausenden in Richtung Petersplatz. Doch der Weg auf das vermeintlich sichere heilige Gelände wurde für viele zum tödlichen Spiessrutenlauf. «Gar viele leut» hätten unter den herabstürzenden Steinen und Ziegeln ihren Tod gefunden, hält die Limburger Chronik von 1398 fest. Wie viele Menschen beim «grossen Beben» umkamen, ist jedoch unklar. Je nach Quelle starben an jenem Dienstag 100 bis 2000 Basler.

Die meisten von ihnen fielen dem Hauptbeben zum Opfer, das die Stadt gegen 22 Uhr mit höllischer Wucht traf. Praktisch alle Steinbauten der Stadt stürzten ein, das Dach des Basler Münsters fiel zusammen und zertrümmerte die Orgel, den Fronaltar und die Bilder im Kirchenschiff. Nahe des St. Alban Klosters brach ein Feuer aus und frass sich quer über die Basler Schindeldächer. Acht Tage lang wüteten die Flammen und zerstörten alles, was den Erdstössen standgehalten hatte.

Das Hauptbeben war in weiten Teilen der Schweiz zu spüren. Der Chronist Heinrich von Diessenhofen, der jene Nacht in Konstanz verbrachte, schreibt, auch dort habe die Erde gezittert. Und im gut 70 Kilometer entfernten Bern seien Kirchengewölbe eingebrochen und Häuser eingerissen.

Die Basler, die die Stadt überstürzt verlassen und alle Vorräte zurückgelassen hatten, hausten danach wochenlang in Zelten vor der eingestürzten Stadtmauer. Städte wie Colmar, Strassburg und Mülhausen schickten «allerhand notturft», wie im «Rothen Buch der Stadt Basel» von 1857 zu lesen ist. Und die Basler fragten sich ob des apokalyptischen Anblicks natürlich bald nach dem «Warum?».

Die Antwort war schnell gefunden: Man sah im Beben eine göttliche Strafe für das Pogrom an der jüdischen Bevölkerung während der Pestepidemie 1349. Zur Besänftigung der göttlichen Gemü-ter verboten die Stadtoberen deshalb «jegliche hoffart, auch zierd von gold, silber, sammat und seyden zetragen».

Atomkraftwerk statt Kirchen

Die Basler taten Busse – und bis heute hats gewirkt. Die vergangenen 660 Jahre verschonten
die Götter das Dreiländereck mit ihrem bebenden Zorn. Doch gebannt ist die Gefahr noch längst nicht. Unter dem Basler Boden reiben sich die afrikanische und die eurasische Platte aneinander. Die Spannungen könnten sich jederzeit entladen.

Der Schweizerische Erdbebendienst (SED) geht davon aus, dass die Erde hierzulande rund alle 1500 Jahre so heftig bebt wie anno 1356 in Basel. Was, wenn es in
Basel heute zu einem ähnlich starken Beben käme? Dann gäbe es Tausende Tote, Zehntausende Verletzte und Sachschäden bis zu 100 Milliarden, schätzt der SED. Und im schlimmsten Fall wären es nicht nur Kirchen, die einstürzten, sondern Chemiefabriken und Atomkraftwerke. Busse tun würde dann nichts mehr nützen.