Frau Zöllner, Sie engagieren sich intensiv für das Alemannisch. Heisst das, Sie haben den Eindruck, der Dialekt ist gefährdet?

Heidi Zöllner: Aussterben wird er nicht, aber gefährdet ist er schon. Bei uns in der Gegend gibt es manche Kindergärten, die verlangen, dass nur noch Hochdeutsch gesprochen wird. In der Schule ist das sowieso so. Auch gibt es immer mehr Eltern, die mit ihren Kindern Hochdeutsch sprechen statt Alemannisch, weil sie meinen, es wäre besser für sie in der Schule.

Ist da etwas dran?

Es ist zwischenzeitlich sogar erwiesen, dass das eher umgekehrt ist. Ich habe einen Vortrag eines Gehirnforschers gehört. Demnach ist das Parallel-Lernen von Schriftdeutsch und Alemannisch als Kind genauso gut für das Gehirn, wie wenn man zwei Sprachen lernt. Da bilden sich anscheinend die Verknüpfungen im Gehirn für jede weitere Fremdsprache aus. Weitere Sprachen sind dann später einfacher zu erlernen.

Das heisst, Alemannisch macht das Gehirn fit.

Ja. Die Universität Oldenburg hat in einer Untersuchung Aufsätze aus der dritten und sechsten Klasse angeschaut. Sie hat festgestellt, dass die Dialektsprecher 30 Prozent weniger Rechtschreibfehler machten als diejenigen, die ursprünglich Hochdeutsch sprechen.

Es sind also gar nicht unbedingt Leute wie ich, die aus Norddeutschland hierher kommen, oder nach dem Krieg die Vertriebenen, die den Dialekt gefährden?

Nein. In Murg am Hochrhein, wo ich aufgewachsen bin und auch in Zell im Wiesental waren viele Flüchtlinge. Sie haben unter sich Hochdeutsch gesprochen und wir mit ihnen, aber dem Dialekt hat das nicht geschadet.

Im Grunde liegt es also mehr an den Einheimischen …

In den 60er Jahren kam der Trend auf: Wenn man etwas sein will, spricht man Hochdeutsch.

Gibt es Studien, Zahlen oder Untersuchungen zum Alemannisch?

Nein. Das müsste man halt untersuchen und dazu bräuchte man Geld und Leute. Es gibt zwar eine Untersuchung der Universität Konstanz, aber da ging es hauptsächlich darum, wie man im Wiesental, im Hotzenwald oder in der Nähe vom Bodensee Alemannisch spricht. Es wurden die einzelnen Worte oder die Grammatik erforscht. Darüber gibt es sehr Vieles. Aber offizielle Zahlen, wie viele der Bevölkerung in der Stadt oder auf dem Dorf noch Alemannisch sprechen, liegen nicht vor.

Was würden Sie selber denn schätzen? Hier in Hausen?

Von Hausen weiter nach hinten ins Wiesental würde ich sagen, dass noch sehr viele Alemannisch sprechen. Sicher 80 Prozent. In Schopfheim ist es gemischt und je weiter man nach vorne im Tal kommt, wieder weniger. In Lörrach spricht so gut wie keiner mehr Dialekt. Im Markgräflerland wird es dann wieder mehr, genauso wie in kleineren Orten.

Es ist doch erstaunlich, dass im Elsass, wo es dem Dialekt viel schlechter geht als in Südbaden, Studien und Umfragen zum Elsässisch gemacht werden. Sie werden von den Gebietskörperschaften finanziert und unterstützt. Warum gibt es das hier nicht?

Ich weiss es nicht. Deshalb hat sich ja die Muettersproch-Gesellschaft gebildet. Sie wird finanziell vom Regierungspräsidium, also dem Land Baden-Württemberg, mit einem Zustupf unterstützt. Ansonsten engagieren sich weitere Vereine, Gesellschaften und private Initiativen für den Dialekt.

Könnte das Alemannisch nicht dadurch unterstützt werden, dass viele Grenzgänger in der Schweiz Dialekt reden? Es gibt immerhin weit über 30 000 deutsche Grenzgänger.

Ich kann da nur von meinen Bekannten sprechen. Ich kenne jemand, der in Basel in einer grossen Firma gearbeitet hat. Untereinander haben die Kollegen schon Alemannisch und Schweizerdeutsch gesprochen. Aber die Konferenzsprache war mehr oder minder Englisch.

In Basel reden ja auch die Jungen mit Migrationshintergrund Baseldeutsch und das meines Wissens ohne Kurse zu besuchen. Woher kommt das?

Ich sehe, wenn ich über die Grenze fahre, dass in den Schaufenstern oder auf Plakaten ganz selbstverständlich auf Baseldeutsch für eine Ware geworben wird. Da steht halt der Weggli-Begg und nicht die Brötchenbäckerei. Da merkt man einfach, dass für die Basler oder die übrigen Schweizer der Dialekt ihre Heimatsprache ist und nicht als schlechtes Hochdeutsch abgetan wird. Auch im Radio oder bei Politikern ist das Schweizerdeutsch selbstverständlich. Es gibt eine trinationale Gruppe, in der die Probleme rund um den Dialekt besprochen werden. Da habe ich die Basler beneidet, wenn sie erzählt haben, dass es Baseldeutsch-Kurse gibt, die auch von den Firmen gewollt und unterstützt werden. Die Schweizer sind in ihrem Engagement für den Dialekt schon um Einiges weiter als wir.

Was mögen Sie vor allem an Ihrem Dialekt?

Er ist die ganz normale Sprache, in der ich drauflosreden kann, ohne gross nachzudenken. So drücke ich aus, was ich wirklich meine, denke und fühle. Alemannisch ist meine Muttersprache und ich finde, der Dialekt gehört hier zur Region und zur Heimat dazu. Das Hochdeutsch ist für mich eher die Sprache für das Geschäft, für Schriftsachen oder zur Verständigung mit Fremden. Neulich war Yves Bisch aus dem Elsass bei uns zu Besuch. Er engagiert sich dort seit langem sehr für den Dialekt. Er hat ein Beispiel erzählt, bei dem ich gedacht habe, dass das bei uns auch kommt. Er war in einem Pflegeheim zu Besuch und dort hat ständig eine Frau gerufen. Die Schwestern haben gesagt, sie spinne ein wenig. Yves Bisch aber hat genau hingehört und widersprochen. Sie habe auf Elsässisch gesagt: Ich habe Durst. Die jungen Schwestern, die nur Französisch sprachen, haben das nicht verstanden. Ich finde es gut, Leute aus dem Ausland zu holen: Wir haben nun mal den Pflegenotstand. Aber was soll das mit den alten Leuten werden, die nur ihren Dialekt sprechen oder in ihn zurückfallen? Wenn ein Mensch älter wird und das Gehirn abbaut, tauchen die Jugenderinnerungen wieder auf und das ist für viele der Dialekt.

Gibt es eine alemannische Orthographie? Kann man den Dialekt auch schreiben?

Ich richte mich nach dem, was der Dialektautor Gerhard Jung immer geschrieben und gesagt hat: So nah am Hochdeutschen wie möglich, aber es gibt Besonderheiten. Wenn wir «viel» schreiben, gibt es kein ie, weil da beide Vokale ausgesprochen würden. Es wird geschrieben wie gesprochen wird. Das lange i von viel gibt dann zwei i, also viil. Oder bei Huus für Haus stehen zwei uu.

Haben Sie den Eindruck, dass man sich in der Region Basel bewusst ist, dass das Alemannisch in Südbaden am Kämpfen ist?

Nein. Ich denke eher, dass die Schweizer davon ausgehen, dass wir hier genauso selbstverständlich Alemannisch sprechen wie in der Schweiz Schweizerdeutsch gesprochen wird.