Die Grube im Boden ist nicht tief, aber tief genug für ihren Zweck. Sie ist, was für Köche eine Schüssel – und daher unverzichtbar für die kleinste öffentliche Kompostanlage der Stadt. Die Verantwortlichen mixen in der Erdgrube, die mit der Zeit immer tiefer wurde, Häcksel mit Früchte- und Gemüseresten und hacken die Masse klein, bevor sie auf dem Haufen landet. Spaten, Schere und Schaufel liegen in einer Holzkiste neben der Grube.
Am Boden bei der Kiste liegen Bierdosen und Pizzaschachteln.

Es ist Samstagmorgen. Der Bus hält an der Haltestelle «Universität» nebenan, Autos und Mofas brausen durch den Schützengraben, Kinder kreischen am Holbeinplatz vis-à-vis, und von irgendwo her ertönt ein greller Ton. Mitten in diesem Stadtlärm stehen drei Komposthaufen auf acht Quadratmetern – und «ruhen».

Mit Gartenhandschuhen und einem Kübel in der Hand kommt Ulrike Zophoniasson um die Ecke gebogen. Die «Präsidentin» der Kompostgruppe packt heute persönlich an. Sie wohnt eine Minute entfernt in einem Haus mit Vorgärtchen. Seit zehn Jahren gehört sie zur Kompostgruppe bei der Lyss, neuerdings amtet sie als Chefin. «Die anderen Mitglieder der Gruppe arbeiten und haben daher weniger Zeit als ich», sagt die pensionierte Journalistin.

«Ich bin keine Baum-Umarmerin»

Als Präsidentin erstellt sie die Einsatzpläne für die samstäglichen Kompostarbeiten und bestellt Häcksel oder Steinmehl bei der Stadtgärtnerei. «Das läuft reibungslos per Mail.» Selbst der Austausch mit den anderen Mitgliedern der Gruppen findet nur per Mail statt. Hier geht es nicht um Begegnung, sondern darum, Küchenabfälle sinnvoll loszuwerden – und auf einfache Art zu ein wenig Erde für den Vorgarten zu kommen.

«Ich bin keine Baum-Umarmerin, sondern mag einfach keine miefenden Bebbi-Säcke», sagt die Präsidentin. Was die anderen Frauen der Gruppe antreibe, wisse sie nicht. Alle Mitglieder sind weiblich. «Vielleicht, weil Frauen lieber gärtnern als Männer.»

Derzeit gibt es in Basel 24 Quartier-Kompostanlagen. Die meisten hat die Stadtgärtnerei auf Initiative von Privaten eingerichtet. Die Frage ist: Wie lange gibt es sie noch? Einerseits konkurrenziert sich der Kanton selber, indem er Hand zum Kompostieren auf dem Privatbalkon oder im Garten bietet und Material gratis zur Verfügung stellt.

Anderseits ist der Arbeitsaufwand bei den Anlagen für die ehrenamtlichen Mitglieder grösser geworden: Statt nur Gemüse klein zu hacken und mit Steinmehl zu versehen, müssen sie neu auch Müll entsorgen, der nichts auf dem Komposthaufen zu suchen hat.

Kompostanlage als Deponie für Hausabfälle

Unbekannte deponieren vermehrt Hausabfälle bei den Kompostanlagen oder werfen Picknick-Reste über den Zaun, als handle es sich bei den Plätzen um Müllhalden. Besonders schlimm ging es bei einem Kompostplatz im Breite-Quartier zu: Fremde deponierten ihre Gemüseabfälle ausserhalb der Öffnungszeiten auf dem Platz, was zu Gestank im Quartier führte. Die Zahl der Helfer schrumpfte, sodass die Stadtgärtnerei den Platz Ende Juni schliessen musste.

«Das Thema beschäftigt uns sehr, wir sind dabei, Lösungen zu suchen», sagt Noemi Danhieux von der Kompostberatung der Stadtgärtnerei. Einfach sei das nicht, da die Anlagen nur durch tiefe Zäune geschützt seien und sich oft in der Nähe von Plätzen befänden, an denen sich auch abends Leute aufhielten. «Es ist fast unmöglich zu ermitteln, wer die Abfälle bei den Anlagen deponiert hat», sagt die Kompostberaterin. Die Stadtgärtnerei sei dabei, die Kompostplätze mit Verbotsschildern zu beschriften.

Aktiver und ruhender Kompost am Schützengraben bei der Lyss.

Aktiver und ruhender Kompost am Schützengraben bei der Lyss.

Ulrike Zophoniasson schliesst das Holztürchen auf und fragt sich: «Was mach ich mit dem ganzen Zeug?» Sie hebt die Bierdosen und den restlichen Müll auf und wirft alles in den kleinen Eimer neben der Holzkiste. Später landet «das Zeug» im öffentlichen Mistkübel. Danach leert sie ihre Gemüsereste und jene der Kolleginnen in die Grube und streut Häcksel dazu. Die entsprechenden Kübelchen müssen samstags bis 10 Uhr auf dem Platz deponiert werden, damit die verantwortliche «Kompost-Frau» mit der Arbeit beginnen kann.

Wohin bloss mit all dieser Erde?

Mit sechs Personen ist die Kompostgruppe auf der Lyss die wohl kleinste auf öffentlichem Grund. «Viel mehr Leute würde es wegen der engen Platzverhältnisse nicht ertragen», sagt Ulrike Zophoniasson. Der Haufen mit dem «ruhenden Kompost» muss monatelang ruhen, bis er zu brauchbarer Erde gesiebt werden kann. Würden noch mehr Anwohner ihre Küchenabfälle im «aktiven Kompost» entsorgen, wäre der Behälter schnell voll und es gäbe keinen Platz mehr im Nebenbehälter. Haufen Nummer drei beinhaltet Erde, die parat für die Gartenarbeit ist oder besser: wäre. Denn: Wohin damit?

Die Stadtgärtnerei hat kein Interesse daran, und Ulrike Zophoniasson selber braucht längst nicht so viel Erde, wie sie produziert. Auch die anderen Frauen haben nur beschränkt Bedarf. Dennoch: «Wir werden unsere Arbeit fortsetzen», sagt Ulrike Zophoniasson. Zumal sich erst neulich jemand für die Erde interessiert und zwei Säcke abgeholt habe.

Der Vorteil einer im Stadtdschungel versteckten Anlage wie dieser sei, dass sie von vielen Leuten nicht als Kompostplatz wahrgenommen werde. Das Stinkproblem wie in der Breite besteht hier nicht. Was möglicherweise auch am Plakat liegt, das Ulrike Zophoniassons Vorgängerin vor Jahren am Holztürchen angebracht hat: «Bitte keinen Abfall deponieren, nur für Mitglieder!»