Es ging ihnen darum, eine Geschichte zu erzählen. Eine im Real-Life-Modus, die durch den realen Magen ging, mit wirklichen Menschen und einem guten Schuss Originalität. «100 Tage Warschau» heisst sie. Oder besser hiess sie, denn die Zeitangabe im Titel war Programm. Was jetzt noch folgt, ist der Epilog.

Die Erzähler waren Sabine Fischer und Thomas Keller vom Szenografiebüro Bravo Ricky, Jonas Gass, Co-Direktor des Hotels Nomad, sowie Geschäftsleiter Thilo Mangold. Orte der Handlung sind Warschau und vor allem das ehemalige Café Beschle beim Basler Bahnhof SBB. Dort hatte das Gastronomenquartett ein Pop-up-Restaurant eingerichtet mit einer Küche, die von derjenigen der polnischen Hauptstadt inspiriert war.

Hier wirkt nichts improvisiert

«Ich mag den Trendbegriff Pop-up nicht sehr, ich bevorzuge die Bezeichnung 100-Tage-Restaurant», sagt Jonas Gass. Ich treffe den Gastroprofi zusammen mit dem Szenografen Thomas Keller in den Räumlichkeiten, die sich von der Fensterfront gegenüber dem französischen Bahnhof bis weit in das tageslichtlose Gebäudeinnere erstrecken. Es ist der Tag 99, also kurz vor Ende der Geschichte.

Das Lokal hat tatsächlich wenig mit dem Pop-up-Klischee zu tun. Hier wirkt nichts improvisiert. Die Einrichtung und das Licht strahlen eine gediegene Atmosphäre aus und lassen den 1980er-Jahre-Groove mit der orangefarbenen Decke in den Hintergrund treten. Aber das haben viele Besucher aus Basel und von weiter her ja selber erleben können. Rund 10'000 dürften es gewesen sein, schätzen die Verantwortlichen.

Ob sie so kurz vor Schluss wehmütig sind? «Ein wenig Melancholie ist schon da», sagt Gass, «aber auch die grosse Befriedigung, das erreicht zu haben, was wir uns erhofft hatten.» Keller spricht von einer «megaschönen Zeit». «Uns war ja von Beginn weg klar, dass es eine befristete Geschichte ist.» Und sie seien mit der budgetierten schwarzen Null herausgekommen.

Die Begeisterung hat bis zum Schluss angehalten. Das ist im ganzen Lokal spürbar: in der Küche, bei der Bedienung, die keine Wünsche offen lassen. Und aus Gass und Keller sprudelt es nur so heraus, als man sie nach besonderen Kapiteln der Geschichte fragt. Zum Beispiel das Kapitel vom Besuch des polnischen Botschafters. «Er war sehr angetan, dass wir keine polnische Folklore boten, sondern eine Küche, die in Warschau nicht auf Grossmama-Niveau stehengeblieben ist», sagt Keller. Es gab aber auch Begegnungen mit polnischen Gästen, die eben diese Folklore auch ein bisschen vermissten.

«Hatten ursprünglich keine Ahnung»

Doch nicht allen ging es so. Ein Blick in den Wikipedia-Eintrag zur typisch polnischen Küche war nicht gerade einladend: deftige Fleischgerichte mit viel Kohl und Kartoffeln. Dem Team um Koch Sebastian Länzlinger sei gedankt, dass sie aus diesen Vorgaben eine überaus ansprechende Leichtigkeit der zeitgenössisch gehobenen Kulinarik heraus zu zaubern vermochten.

«Wir hatten ursprünglich keine Ahnung von der polnischen Küche», sagt Gass. Im Sommer haben sich die vier Zwischennutzungs-Gastronomen in Warschau während 72 Stunden durch gut 25 Restaurants gegessen. Sie wussten bis kurz vor dem Startschuss Anfang Oktober 2018 auch gar nicht, dass Warschau der Taktgeber sein wird. Im Juli hatten sie sich auf der Suche nach dem kulinarischen Konzept vom Überraschungs-Reiseveranstalter Bbacksoon bewusst auf die Reise mit unbekanntem Ziel entführen lassen.

Nun Durchatmen

Jetzt ist also Schluss – oder zumindest fast Schluss. Am kommenden Freitag und Samstag folgt der Möbelverkauf. Und am Samstag ab 22 Uhr die grosse Closing-Party. Viele werden es bereuen, dass sie die Teilhabe an dieser wundersamen Geschichte verpasst haben. Oder sie spät erst entdeckt haben, wie die Gruppe von älteren «Beschle»-Stammgästen, die am Silvesterabend für vorzügliche Stimmung gesorgt hätten und nach eigenen Angaben gerne noch oft wiedergekommen wären.

Sie werden in Zukunft im ehemaligen «Beschle» oder «Warschau» wohl kaum mehr auf ihre Kosten oder Kost kommen. Gerüchte besagen, dass eine internationale Fastfood-Kette die Räumlichkeiten besetzen wird. Aber die 100-Tage-Restaurateure können sich durchaus vorstellen, dereinst an einem neuen Ort eine neue Geschichte zu erzählen. Aber nicht sofort. «Jetzt ist nach den 100 intensiven Tagen erst einmal Durchatmen angesagt», sagen Gass und Keller unisono.