Mit 30 Jahren ist Adrien Jaccottet einer der erfolgreichsten Schweizer Schiedsrichter. Wenn in einem Monat die WM angepfiffen wird, ist er nicht traurig, dass er nicht dabei sein darf. Sein Traum ist ein anderer.

Herr Jaccottet, wann erhielten Sie zum letzten Mal Fanpost?

Adrien Jaccottet: Vor zwei Wochen nach dem Match YB gegen GC. Als ich den Umschlag sah, dachte ich, es sei ein Drohbrief. Stattdessen schrieb mir ein älterer Herr, er fände toll, was ich tue. Darüber habe ich mich sehr gefreut.

Sie wurden nach dem entsprechenden Match heftig kritisiert, weil Sie ein Offside übersehen haben.

An diesem Tag geriet alles ausser Rand und Band. Ich denke, es war für alle Beteiligten nicht der beste Tag.

Der «Blick» schrieb einst, Sie hätten bei einem Spiel vergessen, dass ein Schiedsrichter ein Spiel leiten und nicht entscheiden soll. Wie reagieren Sie auf solche Äusserungen?

Ich fühle mich nicht persönlich betroffen, sondern beziehe die Kritik auf meine Rolle. Aber klar, wenn ich einen falschen Entscheid treffe, der erst noch das Resultat beeinflusst, habe ich mein Ziel nicht erreicht.

Die Zuschauer wissen oft alles besser als Sie. Sehen sie aus der Distanz manchmal wirklich besser, was sich auf dem Feld abspielt?

Das glaube ich nicht. Es gibt aber Situationen, bei denen der Winkel für mich ungünstig ist. Wir Schiedsrichter haben jedoch ein grosses Know-how. Wir schauen uns etliche Situationen an und wissen etwa, wie ein Spieler fällt, wenn er gefoult wird.

Wie fällt er, wenn er gefoult wird?

Natürlich. So, wie Sie und ich auch.

Wie fallen Sie und ich?

Es gibt Anzeichen für unnatürliches Fallen. Wenn ein Spieler beispielsweise die Arme hebt, spricht das dafür, dass er absichtlich fällt. Der natürliche Reflex ist es, sich am Boden abstützen zu wollen. Ein anderes Anzeichen ist es, wenn der Spieler beim Fallen Blickkontakt mit dem Schiedsrichter sucht, um abzuchecken, ob er ein Penalty bekommt. Solche Szenen analysieren wir immer wieder.

Warum tun Sie sich diesen Job an?

Die Mischung aus Hochleistungssport, Menschenführung und Verantwortung macht es aus. Als Schiedsrichter bin ich der Zuschauer, der das Spiel aus nächster Nähe mitverfolgt. Wenn man wie ich vom Fussball fasziniert ist, gibt es nichts Schöneres.

Führung und Verantwortung könnten Sie auch als Anwalt haben.

Ja, aber ich habe mich dafür entschieden, meiner Leidenschaft nachzugehen, obwohl meine Entscheidung mit finanziellen Einbussen verbunden ist.

Wie reagieren die Leute darauf?

Manche fragen, wie das gehe, nur 30 Prozent als Anwalt tätig zu sein und sonst auf dem Feld zu stehen ...

... Schiedsrichter zu sein, ist für diese Leute also keine richtige Arbeit?

Viele meinen, es sei eher ein Hobby.

Sagen Sie uns, wie es wirklich ist.

Ich trainiere vier bis fünf Mal in der Woche, analysiere Videos mit eigenen Spielen und solchen aus aller Welt. Ich habe Kurse, Konditionstests, Sitzungen bei Psychologen, bereite jeden Match vor und nach. Hinzu kommen Reisen und die Spiele.

Trotzdem: Sie sind nie der Star, auch wenn Sie alles gut machen.

Ich brauche keine öffentliche Anerkennung. Wichtig ist mir, dass mir die Mannschaften und Experten bestätigten, dass ich es gut mache. Das grösste Lob ist es aber, zu hören, dass ich ein Spiel nicht beeinflusst habe.

Das grösste Lob ist es demnach, keine Zeile über sich selber zu lesen?

Genau.

Die letzten grossen Schiedsrichter-Schlagzeilen drehten sich um Morddrohungen, einen Eklat durch einen Entscheid und einen Schiedsrichter, der gegen eine der beiden Mannschaften gewesen sein soll.

Im Moment kumulieren sich die Negativschlagzeilen über Schiedsrichter. Es gibt auch ruhigere Zeiten. Und es hängt immer damit zusammen, was beim Fussball sonst noch läuft, das von medialem Interesse wäre.

Wobei Storys über Bestechung, Manipulation und Parteilichkeit nicht immer aus der Luft gegriffen sind.

Nein, aber solche Vorkommnisse sind äusserst selten. Und es ist schade, dass dann der Ruf aller Schiedsrichter unter einzelnen schwarzen Schafen leiden muss.

Der «Blick» behauptet, die meisten Schweizer Schiedsrichter seien «ungenügend». Sie schnitten bei diesem Ranking mit Note 4,25 gut ab.

Die Schweiz hat es verpasst, die grossen Abgänge zu kompensieren. Nach der Ära Urs Meier und dem überraschenden Abgang von Massimo Bussacca stand niemand als ebenbürtiger Nachfolger in den Starlöchern.

Sind Sie ein Nachfolger-Kandidat?

Das müssen andere beurteilen. Die notwendigen Rahmenbedingungen habe ich mir nun zurechtgeschaffen. Ob ich aber je so weit kommen werde wie einer der beiden, ist offen.

Im Gegensatz zu den beiden dürfen Sie als Basler keine FCB-Spiele pfeifen. Das ist bestimmt hart für Sie.

Ich bin manchmal als Vierter im Einsatz. Und: Es wird derzeit darüber diskutiert, ob man das Prinzip der regionalen Zugehörigkeit aufweichen soll. Für mich ist es tatsächlich ein Nachteil, allerdings nicht wegen des FC Basels als Club: Im Joggeli kann man am ehesten ein internationales Spiel simulieren. In kleineren Stadien mit weniger Zuschauern ist es schwierig, sich auf einen grossen internationalen Match vorzubereiten.

Ihr Herz schlägt aber schon noch für den FCB - oder etwa nicht?

Nein, nicht mehr. Wenn ich auf dem Platz stehe und anpfeife, spielen einfach A gegen B - und was ich will, ist meine Arbeit richtig machen.

Hand aufs Herz: Wenn Sie freihaben und den FCB im Fernsehen spielen sehen, sind Sie ein Fan.

In der Schweiz habe ich keine bevorzugte Mannschaft. Früher war das anders, da verfolgte ich die Spiele in der Muttenzer Kurve mit. Wenn jedoch eine Schweizer Mannschaft bei einem internationalen Wettbewerb spielt, fiebere ich mit. Welche Mannschaft das ist, spielt aber keine Rolle.

Schauen Sie überhaupt aufs Spiel oder nur auf den Schiedsrichter?

Früher hab ich einfach das Spiel geschaut. Inzwischen schaue ich praktisch nur auf den Schiedsrichter. Das ist eben Déformation professionnelle.

Wenn man sich anhört, worüber Zuschauer an einem Match reden, merkt man: Auch sie schauen sehr genau, was der Schiedsrichter tut. Und teilen das gern mit. Warum ist der Schiedsrichter immer der Böse?

Die Zuschauer fiebern ohne Grenzen mit ihrer Mannschaft mit. Fussball wird immer mehr zum Ventil. Die jüngsten Ereignisse in Rom mit vielen verletzten Fans zeigen, dass es teilweise bedenkliche Dimensionen annimmt. Ich habe bei einem Auslandeinsatz auch schon hautnah Auseinandersetzungen zwischen Fans und der Polizei miterlebt. Solche Szenen sind unangenehm.

Hat sich die Gewaltbereitschaft verstärkt, seit Sie in der Kurve waren?

Schwierig zu sagen. Es ist sicher ein Problem, das die Verantwortlichen in den Griff bekommen müssen.

Etwa mit dem Hooligankonkordat?

Dazu möchte ich mich nicht äussern.

Gleichzeitig sorgen die Fans für Stimmung, lenkt Sie das ab?

Nein, ich arbeite konzentrierter, wenn die Fans Stimmung machen. In einem vollen Stadion zu pfeifen fällt mir leichter als in einem leeren.

Sie pfeifen in der Super League und haben als Fifa-Schiedsrichter zudem etliche internationale Einsätze. Ihr Ziel ist die WM, oder?

Nein. Mein primärer Traum ist es, einmal ein Champions-League-Spiel zu pfeifen, einzulaufen und die Hymne zu hören. Auch eine WM muss eine unglaubliche Erfahrung sein.