Eines ist klar: Niemand, wirklich niemand, würde heutzutage eine Fasnachts-Clique gründen und einen Namen wählen, in dem «Negro», «Mohr» oder etwas in dieser Art vorkommt. Auch käme niemand, wirklich niemand, auf die Idee, einen Mohr ins Logo zu integrieren. Schon nur deshalb, um sich keiner Diskussion um die politische Korrektheit des Namens auszusetzen.

Doch die Negro-Rhygass wurde im Jahr 1927 gegründet, zumindest in der Ur-Formation, die Guggenmusik Mohrekopf 1954. Die Dekolonisation Afrikas nahm erst ab den 1960er-Jahren so richtig Fahrt auf, der Mohr war damals als Figur noch geläufig, und dass sich irgendjemand an den Begriffen «Neger», «Negro», «Mohr» oder «Mohrenkopf» stören könnte, daran wurde kaum gedacht.

So müssen die heutigen Aktiven die Suppe auslöffeln, die ihnen die Gründergeneration eingebrockt hat: Auf die beiden Traditionsformationen der Basler Fasnacht ging ein Shitstorm nieder, eine Online-Petition fordert gar die Auflösung der Negro-Rhygass – doch auch die Gegenseite mobilisiert: Für heute Freitag ist ein Solidaritäts-Guggenmarsch angekündigt (siehe Kasten).

Der Mohr im Wappen

Ginge es darum, jede Mohren-Darstellung zu verbannen, müssten sechs Schweizer Gemeinden ihr Wappen ändern. Der Mohr als Figur hat in Mitteleuropa seit dem Frühmittelalter seinen festen Platz, gerade in der Heraldik.

«Der Shitstorm ist falsch und unangebracht», sagt Daniel Ordás zur bz. Der spanischstämmige Basler nimmt immer wieder zu Integrationsfragen Stellung. «Der eine Verein besitzt seit 90, der andere seit 60 Jahren seinen Namen. Sie haben keinen rassistischen Hintergrund.»

Der Anwalt erwähnt das Beispiel der Stadt Coburg. «Deren Wappen hat eine besonders traurige Geschichte durchgemacht. Sie zeigt, dass es in dieser Frage kein schwarz-weiss gibt.» Tatsächlich ist der Fall Coburg kurios: Die Stadt im Bundesland Bayern führt seit dem 15. Jahrhundert einen Mohrenkopf im Wappen, zu Ehren des heiligen Mauritius, ihres Stadtpatrons. Der Kopf passte den Nazis nicht. Nachdem sie die Macht ergriffen hatten, musste der Mohr einem Schwert weichen. Im Knauf: ein Hakenkreuz.

Nach dem Zweiten Weltkrieg führten die Coburger ihr altes Wappen wieder ein – wer ist jetzt der (angebliche) Rassist?

«Es G'sicht ha wie-n-en Mohr»

Sprachgeschichtlich ist die Sache nicht eindeutig. Mohr bezieht sich in seiner griechischen Ur-Form «Mauros» auf einen Bewohner der Provinz Mauretanien, heute Marokko und Algerien. Mit Mohr ist also eigentlich ein Maure gemeint. Später weitete sich die Bezeichnung auf jeden Menschen mit dunkler Hautfarbe aus.

Das gilt auch für den Dialekt. Das schweizerische Mundart-Lexikon Idiotikon scheibt zu «Mor»: «Mohr, Schwarzer, Synonym Neger.» Dann folgt der Beispielsatz: «Es G'sicht ha wie-n-en Mohr.»

Die Guggenmusik Mohrekopf sagte am Mittwoch zur bz, das Mohr beziehe sich auf eine «Moore», eine Muttersau. Von da komme auch die Redewendung: «Wie eine Saumoore», gebräuchlich im Baseldeutschen und anderen Dialekten der Deutschschweiz. Tatsächlich definiert etwa das Berndeutsch-Wörterbuch «Moore, Soumoore» als «Sau, weibliches Schwein». Und weiter: «Schimpfwort für eine schlampige Frau», aber auch für eine «unsaubere oder auch unfaire Person». (Es folgt die Klammerbemerkung: «Das kann auch ein Mann sein.»)

Die Sache mit der «Negerschnitte»

Die Othmar Richterich AG aus Laufen stützt sich ebenfalls auf die Muttersau-Herkunft des Namens. Mohr, also Wildsau, sei der Spitzname für die Bewohner der Stadt Laufen. Schaut man sich die ersten Übersetzungen von Mohrenkopf an, ist der Fall aber klar. Auf Französisch heisst er Tête de Nègre. Das wurde auf Deutsch zum Negerkuss.

Die Orte mit einem Mohr im Wappen sehen sich offenbar dazu bewogen, ihre Wappenfigur zumindest zu erklären. Bei ihr handle es sich, steht auf der Webseite von Mandach, Kanton Aargau, um «einen für die Gegend eher untypischen Menschen». Es handelt sich, wie bei Coburg, um den heiligen Mauritius. Das Wappen gehe auf das 13. Jahrhundert zurück.

Der heilige Mauritius war offenbar auch Inspiration beim Namen der lokalen Spezialität, ein Süssgebäck. Es heisst «Negerschnitte». Bei dieser Bezeichnung ist es den Mandachern mittlerweile doch ein wenig unwohl geworden. Auf der Webseite heisst es: «Einen passenderen Namen hat bisher noch niemand gefunden.»