Frau Geistert, an der Fachtagung wurden Eritreer als eher verschlossen und misstrauisch beschrieben. Was sind Ihre Erfahrungen?

Astrid Geistert: Ich empfinde die Eritreer als äusserst angenehme Leute und stosse kaum auf Skepsis. Aufgrund ihrer Erfahrungen in der Diktatur sind sie anfänglich häufig zurückhaltend. Gehen wir aber auf sie zu, entsteht ein guter Austausch. Auch wenn sie nur maximal drei Monate im Empfangszentrum leben, fassen sie uns gegenüber Vertrauen. Viele der Flüchtlinge, die im Kanton Basel-Landschaft untergebracht werden, besuchen uns auch wieder.

Wieso jene aus dem Kanton Basel-Landschaft und nicht aus der Stadt?

Im Baselbiet gibt es keine Integrationsangebote für Flüchtlinge, deren Asylverfahren laufen. Diese dauern mehrere Monate bis Jahre. Deshalb nutzen viele Asylsuchende unsere Angebote. Der Kanton Basel-Stadt leistet deutlich mehr. Hier gibt es bereits während des laufenden Verfahrens Deutschunterricht und erste wichtige Massnahmen für die berufliche Integration.

Die Flüchtlinge bleiben häufig nur für wenige Wochen im Empfangszentrum. Was will ihnen der OeSA in dieser Zeit vermitteln?

Die Asylsuchenden im Empfangszentrum befinden sich in einer Art Zwischenstation. Oftmals liegt eine monate- oder gar jahrelange Flucht hinter ihnen. Alle Menschen, denen wir im Rahmen unserer Arbeit begegnen, haben ihr Leben riskiert. Im OeSA nehmen wir uns Zeit für sie, hören ihnen zu und heissen sie in der Schweiz willkommen.

Was beschäftigt die Menschen am meisten?

Neben den Ängsten um die eigene Zukunft sind viele in Sorge um ihre Familienangehörigen. Über ihre Handys erleben sie die Flucht von Angehörigen sehr eng mit. Wird ein Schiffsunglück auf dem Mittelmeer bekannt und ein Asylsuchender weiss, die eigene Tochter oder der Sohn befindet sich gegenwärtig auch auf einem Boot, ist die Belastung enorm gross. Wenn sie mit uns darüber sprechen wollen, sind wir für sie da. Manchmal sitzen wir aber auch nur schweigend zusammen. Es gibt nicht für jede Nachricht die passenden Worte.

Gibt es Schicksale, die Sie nicht mehr loslassen?

Es gibt Schicksale, die mich stärker treffen als andere. Das sind zum Beispiel Frauen, deren Flucht von Gewalt und sexuellen Übergriffen geprägt ist. Ohnmächtig fühle ich mich aber auch, wenn rechtlich gesehen eine Rückführung in das Dublin-Aufnahmeland ordentlich erfolgt, ich aber weiss, dass diese Person in Italien wieder auf der Strasse leben muss. So ein Wissen nagt.

Wieso wurde der OeSA vor zwanzig Jahren gegründet?

Damals mussten die Empfangszentren jene Flüchtlinge abweisen, die ihre Identität nicht mit rechtsgültigen Dokumenten belegen konnten. Sie standen auf der Strasse, weshalb die Kirche aktiv wurde. Im Rahmen des OeSA wurden für sie unter anderem Unterkünfte organisiert.

Wie stark ist die Religion ein Thema in Ihrer Arbeit?

Wir erleben die Religionen vielfach als wichtige Ressource, die den Menschen Kraft gibt. Wir missionieren aber nicht und begegnen den verschiedenen Religionen offen. Wenn eine Muslimin oder ein Muslim die Adresse einer Moschee wünscht, geben wir diese. Persönlich finde ich es schön, dass die Kirche sich so stark für Flüchtlinge einsetzt – und sich nicht von der politischen Polemik beirren lässt.

Die Asylgesuche haben in den letzten Jahren zugenommen. Gibt es auch Engpässe beim OeSA?

Bei uns im Café sind zwar mehr Asylsuchende, aber wir haben viele Freiwillige, die uns unterstützen. Häufig sind das frühere Flüchtlinge, die vor einiger Zeit selbst im Empfangszentrum ankamen. Das freut uns sehr – und erleichtert oft unsere Arbeit, weil sie auch dolmetschen können.

Der regionale Flüchtlingstag in Basel findet heute von 11 bis 18.30 Uhr auf dem Barfüsserplatz statt.