Frau Scheurer, die Rechtsmedizin ist mir vor allem aus den Tatort-Krimis bekannt. Wie realistisch sind meine Vorstellungen von Ihrem Arbeitsumfeld?

Eva Scheurer: Die Grundzüge, wie wir an einen Fall herangehen, sind nicht falsch. Wie im Fernsehen müssen auch wir die Todesursache feststellen und Hinweise auf Fremdeinwirkung untersuchen. In der Realität sind die Aufgaben zwischen uns, der Kriminalpolizei und der Staatsanwaltschaft aber klar aufgeteilt. Anders als in gewissen Krimis führen wir keine kriminalistischen Ermittlungen durch. Es gibt keine Rechtsmediziner, die für weitere Informationen bei Zeugen an der Türe klingeln. Zudem untersuchen wir auch lebendige Opfer und Todesfälle, bei denen keine Fremdeinwirkung vorliegt. Zum Beispiel bei Selbstmord, Unfallopfern oder bei unklaren Todesfällen mit letztlich natürlichen Todesursachen.

Was ist das Kriterium, dass eine Person - lebend oder tot - bei Ihnen landet?

Wir untersuchen lebende Personen, die bei einer gewaltsamen Auseinandersetzung verletzt wurden. Das sind Opfer von Vergewaltigung, Kindsmisshandlung, aber auch von Schlägereien oder Messerstechereien. Wir dokumentieren und beurteilen Verletzungen und sichern biologische Spuren für die kriminalistische Aufklärung.

Und welche Todesfälle gelangen zu Ihnen?

Stirbt eine Person, muss ein Arzt vor Ort die Todesbescheinigung ausfüllen. Auf diesem Formular gibt es drei Kategorien: der natürliche Tod, der aufgrund einer Krankheit oder eines hohen Alters voraussehbar eintritt, der gewaltsame Tod und der unklare Tod. Bei letzterem bestehen äusserlich keine Hinweise auf Fremdeinwirkungen, der Arzt kennt aber die Todesursache nicht. Wenn eine Person durch einen gewaltsamen oder unklaren Tod verstorben ist, nehmen wir Rechtsmediziner eine äussere Besichtigung vor, die sogenannte Legalinspektion.

Was heisst das?

Wir untersuchen die gesamte Körperoberfläche genau und schauen uns die Kleider sowie die weiteren Umstände an. Anschliessend beraten wir den Staatsanwalt. Dieser entscheidet über das weitere Vorgehen und ordnet allenfalls eine Obduktion an.

Im letzten Jahr hat das Basler Institut für Rechtsmedizin 144 Leichen obduziert. Das sind 40 mehr als im Vorjahr. Gab es mehr Morde oder Unfälle?

Nein, überhaupt nicht. Diese Zahl schwankt von Natur aus. Vergleicht man die letzten beiden Jahre, gibt es zwar eine Zunahme. Aber auf längere Sicht betrachtet treten regelmässig solche Schwankungen auf.

Aufgrund des technischen Fortschritts hat die Basler Regierung 2015 die Preise angepasst. Wie hat sich die Rechtsmedizin verändert?

Wie jeder Fachbereich hat sich auch die Rechtsmedizin in den letzten Jahren verändert. Als Leistung sind neu auch Untersuchungen im Bereich Verkehrsmedizin in der Gebührenverordnung verankert. Mittels Haaranalysen können wir im Auftrag der Strassenverkehrsämter beispielsweise untersuchen, ob eine Person in den letzten Monaten auf Alkohol verzichtet hat. Oder wir können untersuchen, ob und welche Drogen oder Medikamente jemand zu sich genommen hat. Aufgrund dieser Resultate entscheiden die Behörden, ob sie den Führerschein wieder ausstellen oder nicht. Solche Analysen müssen wir vermehrt durchführen. Das geht auf das Verkehrssicherheitskonzept «Via Sicura» des Bundes zurück.

Mit «Via Sicura» will der Bund die Sicherheit im Strassenverkehr stärken. Wie kann die Rechtsmedizin mithelfen, Unfalltote zu verhindern?

Das Projekt ist auf ganz unterschiedlichen Ebenen angelegt. Die Rechtsmedizin hat dabei die Aufgabe, verkehrsmedizinische Gutachten zu erstellen. Wir ermöglichen, unter anderem mit der erwähnten Haaranalyse, die Kontrolle von Auflagen. Zudem untersuchen wir in komplexen Fällen, ob Personen mit gewissen Medikamenten, Krankheiten oder Behinderungen überhaupt Auto oder Velo fahren dürfen.

Sie haben neben Medizin auch Physik studiert. Hilft Ihnen Ihr Zweitstudium im Arbeitsalltag?

Ja, mein Forschungsschwerpunkt sind die bildgebenden Verfahren in der Rechtsmedizin. Das sind beispielsweise die Magnetresonanz- oder Computertomographie. Ich habe Physik studiert, um diese Methoden besser zu verstehen, sie für forensische Fragestellungen sinnvoll einzusetzen und dafür weiter zu entwickeln. In den letzten Jahren wurden sie in der Rechtsmedizin zunehmend genutzt. So bewährte sich die Computertomographie (CT) bei Verstorbenen mit vielen Knochenverletzungen. Das sind häufig Unfallopfer. Aus den Schichtbildaufnahmen des CT können wir sehen, welche Knochen gebrochen und in welche Richtung sie verschoben sind. Damit lassen sich die Unfälle rekonstruieren und teilweise auch Zeugenaussagen überprüfen. Gerade bei Verkehrsunfällen gibt es immer mehrere Aussagen. Mein Spezialgebiet ist die Magnetresonanztomografie. Damit werden vor allem die Weichteilgewebe untersucht.

Arbeiten Sie damit auch in Basel?

Nein, das ist noch nicht der Fall. Die Magnetresonanztomografie ist noch Gegenstand von Forschung. Es braucht Zeit, die Methode für rechtsmedizinische Fragestellungen anzupassen. Wir planen dies und es wird sicherlich ein Gebiet, das wir in Basel weiterentwickeln.

Sie sind nun seit vier Monaten die Direktorin des Basler Instituts für Rechtsmedizin. Vorher leiteten Sie das Institut in Graz. Was zog Sie nach Basel?

Ich bin in Basel geboren und habe immer noch Familie hier. In den sieben Jahren, als ich in Graz lebte, blieb mein Mann in der Schweiz. Es war mir daher auch ein privates Anliegen, wieder in die Schweiz zu ziehen. Beruflich finde ich im Basler Institut für Rechtsmedizin alles, was mich interessiert: von der Dienstleistung bis zur Forschung und Lehre. Das ist eine grosse Herausforderung, die mich reizt. Zudem freue ich mich, in einem Land zu arbeiten, wo das Niveau der Rechtsmedizin so hoch ist wie in der Schweiz. Das ist nicht selbstverständlich.

Sie sind auch regelmässig mit Schicksalsschlägen konfrontiert. Was fasziniert Sie an Ihrem Job?

Es stimmt, wir treffen auf tragische Geschichten. Aber wir müssen die offenen Fragen anhand der Befunde bewältigen und dürfen uns nicht von Emotionen leiten lassen. Wir sind nicht die Staatsanwaltschaft, die sich ein Gesamtbild verschafft, sondern sehen nur einzelne Ausschnitte. Dessen müssen wir uns immer bewusst sein. Mir gefällt an meinem Job die Vielseitigkeit. Ich habe handwerkliche und analytische Aufgaben, arbeite eng mit verschiedenen Teams zusammen und muss das Kriminalistische aus den Befunden herauslesen. Krimis müssen einen in diesem Beruf schon interessieren (lacht).