Sein erstes Fasnachtskostüm als Bub war ein Ueli. Seither hatte der 32-jährige Jurist und Tambour nichts mehr mit der Narrenfigur zu tun. Bis vor einem Jahr, als er erstmals wieder als Ueli unterwegs war. Im Vogel-Gryff-Spiel sammelt er mit anderen drei Uelis jeweils rund 30 000 Franken für bedürftige Kleinbasler Institutionen. Das Kässeli des blauen Uelis ist besonders schwer.

Ueli, wie sehr leiden die drei anderen Uelis darunter, dass du bei den Kindern am beliebtsten bist?

Ueli: Bei den Kindern kommen alle Uelis gut an – egal, welche Farbe sie haben. Ausserdem bekommen wir während unseres Einsatzes kaum mit, nach wem die Kinder am meisten schreien. Wir alle erhalten Liebesbekundungen. «Du bist der schönste Ueli auf der Welt» etwa. Daher merke ich nicht, dass ich der beliebteste bin. Alle sind beliebt.

Begleiter haben aber gehört, dass manche Kinder explizit nach dem blauen Ueli fragen und nur ihm das Geld geben wollen. Überrascht dich, dass ein Kinderbuch so etwas auslösen kann?

Nein, gar nicht. Es ist ein grossartiges Buch, ich habe es meinem 15-monatigen Sohn auch schon vorgelesen. Allerdings ist er auf Seite drei eingeschlafen, was aber definitiv nicht am Buch lag.

Was wollen die Kinder von euch – ausser das Kässeli füllen natürlich?

Buben wollen bis ins Teenageralter Selfies mit uns machen, bei Mädchen hingegen hört die grosse Begeisterung oft schon vor dem Kindergartenalter auf.

Gehörtest du als kleiner Bub auch zu den glühenden Ueli-Verehrern?

Meine Bewunderung galt mehr dem Brauch selber. Ich war fasziniert, dass dieser nirgends niedergeschrieben wurde, sondern von Generation zu Generation mündlich überliefert wird. Zudem haben mich die Tiere und ihre Tänze fast mehr beeindruckt als die Uelis.

Und trotzdem bist du jetzt ein Ueli.

Dass es soweit gekommen ist, war ein Glücksfall. Zunächst habe ich mich fürs Spiel beworben, so, wie das jeder tun kann, der bei einer der drei Ehrengesellschaften ist. Zu meiner Überraschung wurde ich aufgenommen. Das war ein Gefühl wie als Bub an Weihnachten. Bisher habe ich die klassische Spiel-Karriere durchlaufen: Zuerst war ich Kassenwart, jetzt bin ich Ueli. Jeder wird das, was am besten zu ihm passt.

Das heisst, du bist ein wahrer Narr?

Offensichtlich, ja.

Wann wirst du der Vogel Gryff?

Nie, glaube ich jedenfalls. Bei mir ist vorgesehen, dass ich eines Tages zu einem der drei Spiel-Tambouren werde. So jedenfalls plant es der Spielchef.

Als Ueli bist du exponierter als du dies als Tambour in deiner Clique bist. Was war das bei deiner Premiere vor einem Jahr für ein Gefühl?

Solche Gedanken habe ich mir gar nicht gemacht. Es prasselte so viel auf mich hinein. Das fing bei der Schlaflosigkeit in der Nacht vor dem Vogel Gryff an.

Der Ueli ist demnach in Trance?

Es geht in diese Richtung, ja. Wir proben seit Dezember, das ist eine intensive Zeit für das Spiel. Alle arbeiten auf diesen einen Tag hin, auf das Highlight. Danach sind wir total ausgebrannt.

Das ist ja nicht neu für dich, oder?

Doch, nach der Fasnacht geht es mir anders. Sobald ich am Donnerstag ausgeschlafen habe und das Kopfweh verschwunden ist, läuft eigentlich alles wieder normal. Nach dem Vogel Gryff hingegen ist da eine grosse Leere. Es ist dann auch merkwürdig, wieder mit der Fasnachtsclique zu Trommeln.

Lass uns noch nicht an die Leere denken. Noch ist diese weit weg ...

Was jetzt dominiert, ist die Vorfreude auf Freitag. Dieses Gefühl ist schwer zu beschreiben. Ich als nicht sehr sportlicher Mensch muss mich körperlich gut auf den Tag vorbereiten. Anstrengend ist aber nicht mal das Rennen, sondern eher das Tragen des schweren Kässelis.

Daher wäre es besser, du wärst ein anderer Ueli, einer, der nicht so viel Münz ins Kässeli bekommt. Als beliebtester Ueli bekommst du ja bestimmt am meisten Geld.

Das ist so, ja. Trotzdem: Die meisten Leute geben ihr Geld jenem Ueli, der gerade greifbar ist. Ausserdem legen viele Wert darauf, im Verlauf des Tages jedem Ueli einen Batzen zu geben.

Wie koordiniert ihr Uelis euch untereinander? Mit Handzeichen?

Nein. Uelis haben die grössten Freiheiten von allen im Spiel. Im Gegensatz zu den Tieren, den Tambouren und den Bannerherren wären wir eigentlich nicht an den Routenplan gebunden.

Man sieht euch aber kaum ausserhalb des Spiels herumrennen.

Stimmt. Aber wir könnten es tun. Und: Dieses Jahr werden wir Trämli fahren – selbstverständlich ohne das Spiel.

Du sagst das, als wäre es eine Sünde.

Naja, neu ist es nicht ganz. Frühere Uelis haben das auch getan. Ich weiss gar nicht, warum es eine Weile ein Tabu war. Wahrscheinlich liegt es an dem Vorurteil, frühere Uelis seien mehr gerannt als wir dies heute tun. Mit diesem Spruch werden wir oft konfrontiert. Und irgendwie bleibt er auch hängen.

Gibt es etwa auch faule Uelis?

Nein. Wir rennen alle sicher genug.

Wo hältst du dich am liebsten auf?

Es ist ein Erlebnis, nach der Flosslandung dem Rhein entlang zu gehen. Die Massen an Leuten machen diesen Weg zu einem intensiven Erlebnis. Überall rennen Kinder umher, die dem Wild Maa einen Apfel klauen wollen. Wir sorgen dafür, dass keiner über ein Kind stolpert. Das gehört zwar nicht zu unserem Job, dafür sind Polizei und Begleiter zuständig, doch wir passen automatisch auch auf, dass nichts passiert.

Redest du auch mit dem Publikum?

Ich bedanke mich natürlich für jeden Batzen, so, wie es sich für jeden Ueli gehört. Auch sonst spasse ich mit den Leuten herum. Der Ueli hat ja die Funktion des Spassmachers, des Narren. Als Pantomime wäre das schwierig. Wobei ich zugeben muss: Letztes Jahr habe ich mich noch nicht so viel getraut.

Was hast du dir für jetzt vorgenommen? Wirst du Fassaden hinauf klettern und über Tische gehen?

Über Tische gehen werde ich, ja. Ich hab es jedenfalls vor. Die Fassaden lasse ich aber aus, ich möchte den Tag ja bis zum Schluss erleben können (lacht).

Was willst du besser oder anders machen als in deinem ersten Jahr?

Ich habe mir vorgenommen, mich mehr abseits von den Routen aufzuhalten, meine Freiheiten mehr zu nutzen. Damit möchte ich den ursprünglichen Brauch wieder ein bisschen aufwerten.

Wie oft hast Du das Ueli-Kostüm seit dem letzten Vogel Gryff getragen?

Nur einmal, am Vorgesetztenessen. Daher wird es spannend, wieder zu merken, wie viel Stoff ich da eigentlich trage. Ich denke zwar über die Kälte nach und überlege mir, was ich darunter anziehen soll. Doch der Stoff ist so dick, dass es da gar nicht mehr viel braucht.

Hältst du es da mit den Schotten?

(Lacht). Nicht ganz. Warm genug wäre es ja, aber soweit gehen wir nicht.

So tanzten Vogel Gryff, Wild Maa und Leu 2016 durch Basel

  

Unsere Leser erfahren nicht, wer unter dem Kostüm steckt. Wie sieht es in deinem Umfeld aus: Wissen alle, dass du auch ein Ueli bist?

Das kann man gar nicht geheim halten. Viele Freunde fragen, weshalb ich zwischen Weihnachten und Neujahr ständig mit dem Spiel zusammensitze. So erfahren es mit der Zeit einige Leute.

Man darf den Vogel Gryff zwar nicht mit der Fasnacht vergleichen, trotzdem die Frage: Worin unterscheiden sich die Anlässe, was das Tragen des Kostüms angeht?

An der Fasnacht trommle ich, am Vogel Gryff sammle ich Geld. Man kann es nicht vergleichen. Einzige Gemeinsamkeit sind die Leute, die kostümiert und nicht als sich selber unterwegs sind.