Bei den bis zu zwölf Unterrichtsfächern sind von den Gymnasiasten nicht nur Gedankensprünge verlangt, sondern es ist auch Erinnerungsvermögen gefragt. Bis Lehrer und Schüler den roten Faden nach einer Woche Unterbruch wieder gefunden haben, bimmelt es schon bald wieder in die nächste Pause.

Um dieses Problem zu lösen, hat das Gymnasium Leonhard nach einer dreijährigen Testphase nun ein neues Modell fix eingeführt. Die Idee ist an den Epochenunterricht der Waldorfschulen von Rudolf Steiner angelehnt; dieser Unterricht setzt ebenfalls Schwerpunkte. Statt zwölf Fächer gleichzeitig durchzuführen, beschränkt man sich am Leonhard nun auf sechs bis sieben. In sechswöchigen Unterrichtsphasen liegt der Fokus auf diesen Fächern: Den Mathe-, Französisch- oder Englischunterricht gibt es hier blockweise, den Abschluss bildet eine Prüfungswoche. Danach wechseln die Fächer. «Die Unterrichtstage und -wochen verlaufen ruhiger, die Konzentration aufs Wesentliche wird so gefördert», heisst es im Konzept des Projekts, das den Namen LeO2 trägt. Heute führe die Schule dazu, dass die Lernenden den Stoff nur im Kurzzeitgedächtnis abspeicherten. Im neuen System habe das Gelernte mehr Zeit, sich zu festigen.

Mehr Teamarbeit

Die Lehrer sind zufrieden. Mathe-Lehrer Michael Wüthrich sagt: «Das Beste daran ist, dass du nicht vergisst, was du am Vortag gemacht hast. Du kommst mit dem Unterrichtsstoff viel schneller vorwärts.» Dass beispielsweise Mathemuffel unter der geballten Ladung leiden würden, hat Wüthrich nicht beobachtet. «In Mathe ist es so, dass diejenigen eher mitgezogen werden, die mit dem Fach nicht so viel am Hut haben.» Zudem sei es für ihn als Lehrer einfacher zu beobachten, wenn jemand den Anschluss verliere.

«Begeistert» zeigt sich gar Französisch-Lehrerin Nicoletta de Carli, die zwei Klassen im LeO2-System unterrichtet. Neben den von Wüthrich angesprochenen Vorteilen böten die Vertiefungsphasen auch die Möglichkeit, sich von den «sklavischen» 45-Minuten-Lektionen zu lösen. De Carli beobachtet öfter, dass die vertieften Schüler weit in die Pause hineinarbeiten. Dass sie einen Französisch-Koller beklagten, sei selten. «Eher höre ich von den Schülern, die ein bestimmtes Fach nicht mögen: ‹Lieber sechs Wochen intensiv, dann habe ichs hinter mir›.» Auch sie beobachtet, dass das Konzept leistungsförderlich ist, wenngleich man für eine abschliessende Antwort eine «wissenschaftliche Studie» brauche.

Mehr Freizeit

Was von den Schülern letztlich am meisten geschätzt wird, ist, dass die Hausaufgaben nahezu wegfallen. Dies dank dem «begleiteten Lernen». Während dreier (Stufe 1) beziehungsweise zweier Lektionen (Stufe 2–4) haben sie Zeit, «eigenverantwortlich» zu lernen und ihre Hausaufgaben zu erledigen. Der Lehrer oder die Lehrerin ist dabei im Schulzimmer und hilft, wenn Fragen auftauchen.

Sowohl Wüthrich als auch De Carli sagen, dass ihnen diese Zeit reiche; Hausaufgaben müssten sie ihren Schülern kaum noch mitgeben. Das ist gemäss dem offiziellen Konzept auch die Intention von LeO2: Viele Lernende hätten heute das Bedürfnis, ihre Zeitgefässe individuell zu gestalten. «Für einige Aufgaben brauchen sie mehr, für andere weniger Zeit. Der bisherige Stundenplan gibt kaum Gelegenheit zur flexiblen Einteilung.» Dies ändere sich mit dem «begleiteten Lernen».

Dass das neue pädagogische Konzept Schule macht, daran zweifeln die Lehrer jedenfalls nicht. Wüthrich sagt gar: «Ich kann mir vorstellen, dass künftig das ganze Schulsystem so aufgebaut wird.»