Rund 1200 Objekte, deren Herkunft nicht geklärt werden konnte, lagern in einer Zivilschutzanlage beim Bürgerspital. Da die Verfahren abgeschlossen sind, geht der Schatz an Ursula Juraschek, die Ex-Frau von Gianfranco Becchina, zurück. Das Paar betrieb von Basel aus über Jahrzehnte hinweg einen Handel mit antiken Artefakten. Viele davon waren illegal beschafft worden. Becchina beschäftigte Grabräuber. 2001 flog die Bande auf; 2015 wurden über 5000 Gegenstände an Italien zurückgegeben. Das Paar kam straffrei davon. Ihre Taten waren verjährt.

Herr Bignasca, Sie hatten die Gelegenheit, die noch in Basel eingelagerten Artefakte zu begutachten. Was ist Ihnen dabei durch den Kopf gegangen?

Andrea Bignasca: Ich habe sie nicht persönlich gesehen, sondern nur die Fotos. Einer unserer Kuratoren war vor Ort. Wir haben sie anschliessend eingeschätzt und festgestellt, dass es sehr bedeutende Werke dabei hat. Mosaiken, Sarkophagfragmente, figürliche Gefässe. Alles Dinge, die man gerne im Museum ausstellen würde, wenn man sie sich leisten könnte.

Wie hoch ist der Gesamtwert?

Das darf ich Ihnen nicht sagen. Aber es geht um eine grosse Summe.

Wie nahe haben Sie den Fall Becchina verfolgt?

Eigentlich nur via Presse. Allerdings waren Gianfranco Becchina und seine damalige Frau Ursula Juraschek in der Region bekannt. Auch mir, der ich 1981 nach Basel gekommen bin. Die Galerie Palladion und ihr Stand an der Kunst- und Antiquitätenmesse Art Riehen kannten alle Interessierten. Sie waren Teil der Szene. Aber das es so enden musste, war schon sehr erstaunlich.

Gab es nie Anzeichen, dass das Paar ein Doppelleben führte?

Das kann ich nicht sagen. Ich war aber auch nicht so nahe dran. Als dann über 6000 Werke aus Raubgrabungen und andern illegalen Quellen konfisziert worden sind, habe ich auch über die Grössenordnung gestaunt.

Wie kann sich ein Museum davor schützen, Artefakte zweifelhafter Herkunft anzukaufen oder auszustellen?

Seit die Unesco-Konvention gegen den illegalen Handel von Kulturgut aus dem Jahr 1970 von der Schweiz 2005 ratifiziert worden ist, hat sich die Situation massiv verbessert. Seither gibt es die gesetzliche Handhabe und die Verpflichtung, die Herkunft von Artefakten abzuklären. Auch wir werden schärfer kontrolliert.

Ich muss die Provenienz von jeder Neuerwerbung deklarieren, die auch von der Behörde überprüft wird. Aber aufpassen muss man weiterhin. Besonders wenn es um Werke geht, die aus Kriegsregionen stammen. Heute gibt es auch die moralische Pflicht, keine Werke aus Syrien anzunehmen. Das wissen auch die Kunsthändler und die Sammler.

Und diese halten sich daran?

Man hat in den vergangenen 30 Jahren sehr viel Sensibilisierungsarbeit geleistet. Davor war es sicher so, dass man in vielen Fällen nicht so richtig hingeschaut hat.

Hat man bewusst nicht hingeschaut?

Das würde ich so nicht sagen. Erstens waren die Gesetze nicht so streng, zumindest in der Schweiz nicht, und zweitens hatten die Kunsthändler eine grosse Autorität. Man hat ihnen geglaubt. Und diese wiederum glaubten ihren Lieferanten. Im Vordergrund stand die Kunst, die Erhaltung dieses Weltkulturerbes, dessen Studium und Präsentation.

Ein Fall Becchina wäre heute also nicht mehr denkbar?

Ich glaube nicht. Zumindest halte ich es für ausgeschlossen, dass staatliche Museen betroffen sein könnten. Bei privaten Sammlern kann man es nicht gänzlich ausschliessen. Allerdings denke ich, dass auch sie sehr stark sensibilisiert sind. Fast niemand würde heute ein Werk mit Provenienz Syrien oder Libyen kaufen.

Was ist das für ein Typ Mensch, der privat solche Altertümer sammelt?

Die Preise in unserem Sektor sind wesentlich tiefer als in der klassischen Moderne oder der zeitgenössischen Kunst. Sie können auch mit einem relativ bescheidenen Budget eine tolle Sammlung zusammenstellen. Sammler sind aufgrund meiner Erfahrung wahnsinnig leidenschaftliche Menschen. Sie wollen etwas Schönes kaufen, etwas, das einen Bezug zur eigenen Biografie hat. Sie haben zum Beispiel in Griechenland oder im Nahen Osten gearbeitet und dabei eine Verbindung zu diesen Ländern aufgebaut.

Leidenschaftlich dürften Museumsdirektoren auch sein.

Ja, wobei wir immer mit der Handbremse arbeiten müssen. Wir haben schliesslich keinen Ankaufsetat. Und wir müssen uns über die Herkunft wirklich immer sicher sein.

Gibt es in der Sammlung noch Stücke, die aus den Beständen des Ehepaars Becchina stammen?

Der Name Becchina taucht in unseren Unterlagen nicht auf. Von daher kann ich sagen, nein, wir haben keine Werke, die direkt von ihnen stammen. Aber ich kann nicht ausschliessen, dass wir indirekt in den Besitz eines solchen Stückes gelangt sind. Zum Beispiel via eines anderen Händlers oder Sammlers. Denn auch Becchina hat ständig weiterverkauft.

Sie müssen eigentlich über die Herkunft all ihrer 10 000 Artefakte Buch führen. Geht das überhaupt?

Das ist ein riesiges Problem, weil der Rechercheaufwand immens ist. Ich müsste einen Kurator für drei bis vier Jahre darauf ansetzen. Dazu fehlt die Kapazität. Wir reagieren aber gerne und sofort bei Verdachtsfällen. Wenn wir also von in- und ausländischen Behörden angefragt werden, dann klären wir sauber ab.

Gibt es viele solche Anfragen?

Nein, es sind heutzutage sehr wenige. Früher, als man eigentlich die ganze Szene kriminalisiert hatte, gab es viel mehr. Manchmal ging man dabei zu weit. Insbesondere die italienischen Behörden waren sehr aggressiv. Vor rund 25 Jahren behauptete die italienische Polizei zum Beispiel, dass eine kleine Figur, ein Knabentorso aus Palestrina, aus einem Museum in Lazio gestohlen worden sei. Sie wollten das Stück zurück.

Es stand Aussage gegen Aussage. Die Italiener behaupteten, die deutschen Truppen hätten es im Zweiten Weltkrieg bei ihrem Abzug mitgehen lassen. Wir haben herausgefunden, dass es tatsächlich in jenem Museum unter freiem Himmel ausgestellt war in den Zwanzigerjahren. Doch in dieser faschistischen Zeit haben die Italiener selbst solche Werke als Gastgeschenk weggegeben. Auch das ist bekannt.

Der Torso kam in den frühen Sechzigerjahren zu uns. Er wurde von einem deutschen Archäologieprofessor rechtmässig erworben. Mit andern Worten: Die Behauptung der Italiener ist nicht beweisbar, weshalb das Stück noch heute bei uns ausgestellt ist.