Panos Papadopoulos fuchtelt mit den Armen, die Lautstärke seiner Stimme schwillt immer wieder an. Papadopoulos ist Bürochef im griechischen Gesundheitsministerium und auf einer Mission. Er und zwei Landsmänner sind in der Schweiz, um anzuklagen und aufzuklären. Alle drei sind eng mit der in Griechenland regierenden linkspopulistischen Syriza-Partei verbunden. Diese Woche tingeln sie von Basel nach Bern, treffen Parlamentarier, treten an Podien auf. Ihre Botschaft: Die Novartis steht im Mittelpunkt einer Bestechungsaffäre in Griechenland.

«Novartis-Gate» nennen es die dortigen Medien. Noch ist unklar, was an den Korruptionsvorwürfen dran ist. Aber: Novartis-Gate ist ein politischer Skandal in Griechenland.
Als erste Station besucht das Trio Basel, die Novartis-Stadt. Am Tisch im Restaurant zum Rebhaus im Kleinbasel neben Papadopoulos sitzt Giorgos Chondros. Aufgefallen ist er während der Staatskrise in Griechenland.

Seither trat er immer wieder in verschiedenen deutschsprachigen Medien auf und vertrat die Politik von Syriza. Chondros, farbiger Schal, halblange graue Haare, Bart, ist auf Tour und will das Novartis-Gate auf die politische Agenda in der Schweiz bringen. Giorgos Pallis, dunkler Bart, beginnende Halbglatze, Jeans mit Jackett, ist der Dritte des Trios. Er ist Abgeordneter von Syriza im griechischen Parlament und Mitglied des Ausschusses zur Untersuchung der Vorwürfe an die Adresse von Novartis. Wobei dieser Ausschuss momentan nicht aktiv ist.

Novartis hat im Rebhaus-Saal wenig Freunde. Die Marxistisch-Leninistische Gruppe Schweiz lässt Flugblätter gegen den angekündigten Novartis-Abbau verteilen. Eingeladen hat Multiwatch. Eine dieser Organisationen, die gegen multinationale Konzerne vorgehen. Wenns sein muss auch gerichtlich. So passiert bei Nestlé, und auch bei Novartis überlege man sich ernsthaft, ob nicht eine Klage gegen die Konzernspitze der richtige Weg sei. Den Abend mitorganisiert hat der «Verein Solidarität mit Griechenland». Der Verein steht mit der Regierungspartei Syriza auf gutem Fuss.

Pharma als Mitschuldige an Misere

Im vergangenen Februar kamen die Anschuldigungen gegen Novartis in Griechenland auf. Über Jahre hinweg sollen Ärzte über die Teilnahme an pseudowissenschaftlichen Studien von Novartis bestochen worden sein, damit sie die Mittel des Pharmakonzerns bevorzugen. Dazu sollen Preise für Medikamente künstlich in die Höhe getrieben worden sein. Was unbestritten ist: Die Ausgaben für die medizinische Versorgung ist in Griechenland vor 2010 stark angestiegen. Für das Trio ist deshalb klar: Die Pharma-Industrie hat zur Staatsmisere Griechenlands beigetragen. Noch im Februar wurde ein Untersuchungsausschuss im griechischen Parlament gegründet. Der gab den Fall an die Justiz ab. Seither hört man praktisch nichts mehr von Novartis-Gate. Was am Ende von den Vorwürfen übrig bleibt, ist ein halbes Jahr später unklarer denn je.

Treffen mit Politikern geplant

Die Anschuldigungen gegen Novartis wurden publik, als Griechenland wegen der Mazedonien-Frage in Demonstrationen versank. Griechen-Ministerpräsident Alexis Tsipras und seine Partei nutzten die Chance und gingen mit Novartis-Gate gegen die alte Elite um Ex-Premier Antonis Samaras vor. Tsipras konnte sich als Aufräumer beweisen. Insgesamt zehn Leute wurden verdächtigt, mit Novartis krumme Geschäfte gemacht zu haben. Darunter Samaras und etliche andere Minister.

Die griechischen Behörden berufen sich auf drei Whistleblower, die ehemalige Novartis-Mitarbeiter sein sollen. Geklärt ist in diesem Fall vieles nicht. Novartis arbeite mit griechischen und US-amerikanischen Ermittlungsbehörden zusammen, sagt ein Sprecher. Und: Von Schweizer Behörden wurde Novartis nicht kontaktiert. Trotz Rechtshilfegesuchs aus Griechenland. Reagiert hat Novartis mit einer internen Untersuchung. Aber: «Die öffentliche Aufmerksamkeit rund um diesen Fall beinhaltete zahlreiche aufsehenerregende und unberechtigte Anschuldigungen im Rahmen einer politisierten Debatte in Griechenland», sagt ein Novartis-Sprecher. Die Pharma-Firma also als Mittel zum Zweck?

Die drei Griechen sprechen im Rebhaus-Saal von konkreten Indizien gegen Novartis. Giorgos Chondros sagt, dass bald schon eine erste Untersuchung abgeschlossen sein soll. Dann wird klar sein, ob Novartis wirklich in einen Korruptionsfall verwickelt ist. Oder ob sie aus politischen Gründen hineingezogen wurde.

Chondros und Co. geben aber auch zu, dass vieles noch nicht geklärt sei. Trotzdem wollen sie sich in der Schweiz mit Parlamentariern treffen und sie überzeugen, dass sie die Regierung wegen Novartis in die Mangel nehmen.

Das rund 20-köpfige Publikum im Rebhaus ist ein dankbares für ihre Mission. Wenn Papadopoulos ein besonders krasses Beispiel zur Preisentwicklung von Medikamenten macht, raunt das Publikum. Dasselbe auch, als er über ein Novartis-Mittel gegen Diabetes spricht. Weltweit soll es bei 5 bis 10 Prozent der Patienten eingesetzt werden. In Griechenland bei 40 Prozent der Betroffenen.

Immer wieder klingt auch die politische Agenda der drei an. «Wir wollen, dass sich solche Fälle nicht mehr wiederholen können», sagt Papadopoulos. Die Verantwortlichen sollen zur Rechenschaft gezogen werden. Und: «Es kann nicht sein, dass die Gesundheitsversorgung von multinationalen Konzernen dominiert wird. Die haben kein Interesse daran, die Menschen gesund zu machen», sagt Papadopoulos. Das betreffe nicht nur Griechenland. Deshalb sind sie hier in der Schweiz.