Es gehört mittlerweile zum «guten Ton» für einen Jazz-Vokalisten, mal eine Aufnahme mit einer Big Band zu machen. Die Einspielungen und Konzertreihen, die Sängerinnen und Sänger von Brasilien bis Deutschland mit grosser, orchestraler Besetzung unternehmen, haben sich während der vergangenen zehn Jahre merklich gehäuft.

Vein zu unterstellen, sie würden sich damit an einen Trend dranhängen, ist allerdings fehl am Platz. Ihr Ansatz zielt auf ein ganz anderes Klangbild ab, wie Pianist Michael Arbenz erläutert: «Wir selbst verstehen unsere Musik ja schon als etwas Orchestrales, Vielschichtiges. Es ging uns nicht darum, etwas mit einem Solisten zu machen, wir wollten unsere eigene Musik weiten.»

Intensiv mit Klassik beschäftigt

Die Öffnung zur grossen Besetzung ist in Veins Musik angelegt gewesen. Alle drei Musiker haben sich intensiv mit klassischer Musik beschäftigt, Programme mit Kompositionen von Gershwin und Ravel erarbeitet. Michael Arbenz studierte bei Jürg Wyttenbach, der sowohl Pianist als auch Dirigent war. Das hat ihn sehr geprägt.

Traditionelle Jazz-Aspekte gingen bei Vein immer Hand in Hand mit der reichen Tradition abendländischer Klassik einerseits und einer harmonisch ausgefeilten, «orchestralen» Partitur. In Basel konnte man das zuletzt erleben, als sie sich zum Schluss ihres Ravel-Konzerts 2017 bei ihrer Adaption des «Boléro» mit dem Saxofonisten Andy Sheppard von einem fünfköpfigen Bläsersatz verstärken liessen.

Improvisation und Interplay

Wie entstand nun dieses Projekt mit der Norrbotten Big Band aus Luleå, einer Stadt im Norden Schwedens? «Es war ein langer Prozess», reflektiert Arbenz. «Vor drei Jahren gab es eine Möglichkeit, etwas mit einer Big Band im litauischen Vilnius zu machen, da hat das Gedankenspiel angefangen. Seitdem haben wir das Programm immer weiter verfeinert.»

«Verfeinert» bedarf einer etwas genaueren Erläuterung, und Arbenz gibt Einblick in seine Arbeitsweise: «Ich bin überhaupt kein Big-Band-Komponist, also jemand, der zum Beispiel wie Maria Schneider frische Stücke speziell für einen solchen Klangkörper entwirft. Der Ansatz war nicht ein kompositorischer, ich habe mich nicht vor ein leeres Blatt gesetzt, sondern ich habe versucht, das Improvisatorische in teils schon bestehenden Stücken zu orchestrieren. Es kam uns auf das Interplay zwischen Trio und Orchester an.»

Dafür ist die Norrbotten Big Band ein idealer Spielpartner. Sie ist international unterwegs, zählt Randy Brecker, Peter Erskine oder Marilyn Mazur zu ihren Studio- und Bühnenpartnern. Die Band lädt sich auch gerne mal Resident Artists aus ganz anderen stilistischen Gebieten wie etwa dem Drum & Bass ein.

Arbenz zählt sie zu den Top 5 der europäischen Big Bands und begründet das damit, dass sie nicht nur im Satz extrem gut und kompakt spielen können, sondern auch auf allen Positionen mit glänzenden Solisten besetzt sind. «Das ist ein Teil ihres Profils, und das wollten wir auch nutzen. Es gibt Stücke, in denen wir nicht alles ausgeschrieben haben, sondern Raum lassen. Man kann diese tollen Musiker nicht herablassend nur nach Noten spielen lassen!»

Viele Arrangement-Möglichkeiten

So findet das erwähnte «Interplay» nicht immer mit dem gesamten Klangapparat statt, sondern auch mit bestimmten Bläsergruppen, etwa den Posaunen, oder gar einzelnen Big-Band-Mitgliedern.

Neben ihren Brückenschlägen zu zeitgenössischen, popkulturell geprägten Genres hat die Norrbotten Big Band jedoch auch eine klassische Klangkultur, was sich in den gemeinsamen Stücken mit Vein ebenfalls ausreizen liess. Arbenz schwärmt: «Sie verfügen zum Beispiel über zwei Altflöten, eine Kontrabassklarinette, eine Tuba – da gibt es wahnsinnig viele Möglichkeiten beim Arrangieren.»

Und so flirrt ein Stück wie «Boarding The Beat» voller Farben, die auf den Anfang des 20. Jahrhunderts – Debussy und Strawinsky – verweisen. In einem anderen, einer Passacaglia, wurde harmonisch reich mit barocken Techniken gearbeitet. Michael Arbenz fasst das Teamwork in einem einfachen Satz zusammen: «Das Programm mit dieser Big Band machen zu können ist ein Riesenluxus!»

   

Live 18. Mai, Volkshaus, Basel, 19 Uhr. www.offbeat.ch