Lukas Holliger, wo waren Sie am 1. November 1986?

Ich war zu Hause und wollte mir die nächtliche Jubiläumssendung, drei Jahre Radio Basilisk, anhören. Die wurde aber ständig verschoben, weil irgendetwas brannte. Ich habe zunächst nicht verstanden, was uns Basler dieser Brand in Muttenz angehen soll. Doch dann wurde immer klarer, dass es um die Chemie geht, dass der Rauch giftig sein könnte. So habe ich diese Nacht von Anfang an am Radiogerät verbracht und von Anfang an alles mitbekommen – es soll Basler geben, die die ganze Nacht durchgeschlafen haben.

Was waren Ihre grössten Ängste in jener Nacht?

Ich kann mich an die dreieinhalb Stunden erinnern, während derer man nicht wusste, ob und wie giftig das ist. Da blitzte mir als 15-Jähriger durch den Kopf: Was bedeutet das, wenn es giftig ist? Wie lange geht es, bis das Gift zu wirken beginnt? Das war schon eine Form von Todesangst.

Erinnern Sie sich an den Gestank?

Ja, den kann ich bis heute abrufen, den habe ich noch in der Nase.

Sie und viele andere Basler sassen stundenlang vor dem Radiogerät wie das Kaninchen vor der Schlange. Warum sind sie nicht geflüchtet?

Man hat den Behörden irgendwie vertraut: Zu Hause bleiben, Fenster und Türen schliessen. Man hoffte zweckoptimistisch, es möge glimpflich ausgehen.

Fühlen Sie sich heute sicher in Basel?

Schweizerhalle kommt mir jedes Mal wieder hoch, wenn es nach etwas stinkt. Wir wohnen unweit vom Novartis Campus, da konnte man relativ häufig dieses Lindan riechen. Mich erstaunt, dass die Presse es oft nicht für nötig hält, genauer über solche Vorfälle zu informieren. Oft ist in einer ersten Meldung von «einer Firma» und einem «unbekannten Stoff» die Rede. Präzisierungen folgen selten.

Es heisst fast immer: Für Bevölkerung und Umwelt habe nie irgendeine Gefahr bestanden. Glauben Sie das?

Ich habe bei der Kontrollstelle Basel-Stadt eine Chronologie der Störfälle eingefordert. Diese Stelle registriert aber nur Vorfälle, die über das Firmengelände hinaus wahrnehmbar sind. Verletzte oder Geruchsbelästigungen innerhalb einer Firma fliessen nicht in diese Statistik ein. Gemäss Mediendatenbank kam es allein 2012 in Basel zu mehreren Zwischenfällen mit Verletzten.

Man kann sowieso nicht alles riechen. Wie weiss man, wann etwas über das Firmengelände rüberschwappt?

Das kommt dazu. Wir müssen immer darauf vertrauen, was die Industrie sagt. Auch jetzt beim Chemieunfall in Ludwigshafen hiess es an der Pressekonferenz: Die Messtrupps von der BASF melden uns das. Man verlässt sich auf die Messungen derjenigen Firma, die das Unglück verursacht hat. Ich bin nicht sicher, ob das eine gute Aufteilung ist. Eigentlich müsste der Staat das selber kontrollieren.

Sie haben für das Hörspiel und das Stück viel recherchiert. Welche Befunde haben Sie überrascht?

Mir war nicht bekannt, dass das Kapitel Schweizerhalle tatsächlich nicht abgeschlossen ist: Grund- und Trinkwasser sind immer noch bedroht, die Sanierungsziele konnten bis heute nicht eingehalten werden. Ebenso wenig war mir bekannt, in welchem Ausmass die Industrie in den 60ern bis in die frühen 80er Jahre ihren giftigsten Müll irgendwo in den Wäldern verscharrt hat. Das steht für mich im Widerspruch zur hochprofessionellen Forschungsarbeit und marktstrategischen Intelligenz dieser Firmen. Beim Recherchieren sind immer mehr Fragen aufgetaucht, meine Wut wurde immer grösser.

Für Ihr Theaterstück haben Sie hunderte von Fragen zusammengestellt. Wie kamen Sie darauf?

Ich habe lange überlegt, wie ich diese Stoffmasse in eine Bühnenform bekommen kann. Es wurde mir klar, dass ich Thema und Personal stark reduzieren muss. Da kam mir die Idee, dass es ein Feuer braucht. Dieses Feuer hat auf einmal ein Licht auf alles geworfen, was zuvor im Verborgenen lag. Das ist nun die Grundsituation des Stücks: Vier Stimmen stehenum ein Feuer und stellen Fragen. Das Feuer ist einerseits eine Gefahr, anderseits spendet es Wärme. Das entspricht der Situation in Basel: Wir wärmen uns an der Chemie, sie gibt uns Medikamente, Arbeitsplätze, Wohlstand, Kulturförderung. Gleichzeitig ist sie ein Risiko. Dank den Fragen ist das Stück keine reine Polemik, auch nicht nur das Ergebnis meiner Recherche. Offene Fragen laden das Publikum ein, selbst Antworten zu suchen.

Ihr Hörspiel anderseits ist eine Collage, vor allem aus Radiobeiträgen jener Nacht. Die mediale Begleitung war auch nicht gerade nur gelungen.

Die Stadt war völlig überrumpelt. Man wusste zunächst nicht einmal, wie man die Sirenen auslöst, der Pressealarm funktionierte nicht, bei den Polizeiwagen waren die Batterien für das Megafon nach einer halben Stunde leer, Sandoz hat es nicht geschafft, rechtzeitig eine Liste zu liefern mit den Stoffen, die da brennen. Ein totaler Informationsnotstand. Entsprechend wurde spekuliert.

Am Radio hiess es «ungiftig, ungiftig, doch giftig». Auch die Medien sollten nicht zu schnell etwas behaupten.

Es gab einen Streit um die Begriffe. Radio Basilisk sprach rasch von einer Giftwolke, die Behörden von einer Chemiekalienwolke. Der Krisenstab hat sich überlegt, Basilisk eigenmächtig abzuschalten. Der Basler Zeitung wiederum wurde zu viel Nähe zur Chemie vorgeworfen. Der BaZ-Chefredaktor schrieb tags darauf, das Ereignis könne als Brandfall abgehakt werden.

Würden wir heute eine solche Katastrophe besser bewältigen?

Ich fürchte Nein. Aber derart grosse Mengen von Giftstoffen werden in Basel nicht mehr gelagert. Derzeit am gefährlichsten sind wohl die Gefahrengut-Transporte auf der Schiene. Wenn da ein Giftzug entgleist, weiss ich nicht, was passiert. Vom AKW Fessenheim will ich gar nicht reden.

Von all den Fragen: Welche ist Ihre grösste?

Es gibt so viel Gutes, das die Pharmaindustrie leistet. Ich frage mich: Sind die Kollateralschäden systemisch zwingend?

Hundertprozentige Sicherheit?

Die gibt es nie. Aber man konnte gerade bei Schweizerhalle sehr viele vermeidbare Fahrlässigkeiten nachweisen.

Wäre es nicht an der Zeit, klare Antworten einzufordern?

Ich finde schon, ja. Bis jetzt konnten wir für die Publikumsdebatte niemanden von der Chemie finden. Ich hoffe, es stellt sich da noch jemand den Fragen.