Wer jeden Tag 18 oder noch mehr Stunden pro Tag vor dem Computer verbringt, hat sein Tagesablauf nicht mehr im Griff. Wer pausenlos aufs Handy blicken muss, kann sich kaum auf eine Tätigkeit konzentrieren. Wer sein ganzes Geld in Glücksspielen verprasselt, kann sich keine Existenz aufbauen. Muss jemand die immer wieder gleichen sexuellen Handlungen vornehmen, der findet nur schwerlich einen Weg zu einem erfüllten Gefühlsleben.

Menschen, die ein bestimmtes Verhalten nicht mehr kontrollieren können, sind süchtig – nicht nach einer bestimmten Substanz wie Alkohol oder Zucker, sondern verhaltenssüchtig. Sie leiden körperlich und psychisch, auch ihr Sozialleben ist gefährdet. Gemäss zurückhaltenden Schätzungen von Psychologen ist ein Prozent der Menschen hierzulande dem Glücksspiel verfallen.

Wenn ein Glücksspiel zum Verhängnis wird

Wenn ein Glücksspiel zum Verhängnis wird

   

Weltgesundheitsorganisation reagiert

Doppelt so viele können sich nicht vom Internet losreissen. Fünf Prozent kaufen zwanghaft zu viel ein, und drei Prozent legen ein exzessives Sexualverhalten an den Tag. Insgesamt ist also mehr ein Zehntel der Bevölkerung süchtig nach einer Tätigkeit.

Angesichts dieser Zahlen überrascht es nicht, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO die Diagnose «Substanzungebundene Abhängigkeit» in ihren Krankheitskatalog aufzunehmen will.
Doch Verhaltenssucht bleibt das Stiefkind unter den Süchten. Wer sich in einer psychiatrischen Klinik behandeln lassen will, landet meist in von Substanzsucht dominierten Abteilungen. Ob ein Arzt spezialisiert ist und ob eine spezifische Therapie zur Verfügung steht, hängt von der Klinik ab.

Internationale Pionierarbeit

Am weitesten gegangen sind dabei die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) in Basel. Sie haben 2010 einen ambulanten Dienst nur für Verhaltenssüchte eingeführt. Über hundert Patienten sind seither in den Genuss dieses Dienstes gekommen. Sie lassen sich von auf Verhaltenssüchte spezialisierten Ärzten behandeln - stundenweise, denn spätestens Abends gehen sie nach Hause.

«Doch manchmal reicht das nicht», hat Gerhard Wiesbeck, leitender Arzt in den UPK, festgestellt. «Manchmal kommt der Patient in seiner gewohnten Umgebung nicht weiter.» Oft brauche es Abschirmung von der Umwelt. Zudem finde man hinter Verhaltenssucht vielfach eine Krankheit, etwa Depression oder eine bipolare Störung, für die es einen stationäre Aufenthalt brauche.

Ein logischer Schritt

Für solche Fälle hat Wiesbeck das stationäres Angebot für Verhaltenssüchte der UPK aufgebaut. Es ist das erste in der Schweiz, und auch international leisten die Basler Kliniken Pionierarbeit. Sechs Wochen lang sollen die Sex-, Internet-, Spiel- und Kaufsüchtigen in einem eigens eingerichteten Bettentrakt bleiben. So lange, schätzen Wiesbeck und seine Kollegen, dauert es, bis man Verhaltenssüchtige von ihrem Laster befreit hat.

Für UPK-Geschäftsführerin Anne Lévy ist das neue Angebot eine logische Fortsetzung der bisherigen Tätigkeiten: «Wir hatten bereits bisher eine stärkere Spezialisierung unserer Abteilungen als andere psychiatrische Kliniken in der Schweiz.» Mit dem neuen Schritt werden die Basler UPK zum Schweizer Zentrum für Verhaltenssucht, nicht nur für Patienten, sondern auch für Ärzte, die sich spezialisieren wollen. «Schliesslich sind wir eine Unversitätsklinik», wie Wiesbeck betont.

Für die ganze Deutschschweiz

Das Potenzial ist riesig. Rechnet man die Eingangs erwähnten Zahlen hoch, gibt es schon nur in Basel-Stadt 19'000 Verhaltenssüchtige. Und die UPK will mit dem neuen Angebot Patienten über die Kantonsgrenzen ansprechen. «Wir richten uns an die ganze Deutschschweiz», sagt UPK-Geschäftsführerin Anne Lévy.

Einerseits sollen Verhaltenssüchtige nach Basel kommen, die bisher bereits woanders in Behandlung waren, aber nicht stationär. Andererseits soll das neue Angebot neue Patienten generieren. Die Behandlung ist krankenkassenpflichtig. Spezialisiert ist das Basler Zentrum vorerst auf Sex-, Spiel-, Internet- und Kaufsucht. Dabei gäbe es noch einige Abhängigkeiten, etwa Stehlen, Brandstiftung, Sport oder Haareausreissen.