Das über 3000-jährige, intakte Grab einer Sängerin, die älteste Sonnenuhr der Welt, fast 80 Mumien auf einen Schlag und die älteste Socke Ägyptens: Diese Funde gehören zu den Höhepunkten des Basler Forscherteams, das seit zehn Jahren im Tal der Könige bei Luxor gräbt und grübelt. Susanne Bickel, Professorin für Ägyptologie an der Uni Basel, leitet dieses neuste Projekt namens «University of Basel Kings’ Valley Project». Die Basler Erkenntnisse werden international beachtet, Susanne Bickel von Fachkollegen weltweit konsultiert. Denn nicht viele Teams erhalten überhaupt die Erlaubnis, an einem der wichtigsten archäologischen Hotspots der Welt zu graben. Doch abgesehen von vielen spannenden Details: Warum interessieren uns die alten Ägypter so sehr? Und was können Sie uns lehren?

Frau Bickel, warum interessieren sich die meisten von uns viel mehr für die antiken Ägypter als für unsere eigene antike Kultur, die Pfahlbauer?

Susanne Bickel: Das ist schon seit Jahrhunderten so. Bereits die Römer waren fasziniert von den Ägyptern, später hat die Renaissance Ägypten wieder neu für sich entdeckt. Die Faszination war stets ambivalent: Man war von dieser Kultur angezogen und abgestossen zugleich. Bis heute kursieren allerlei mysteriöse Theorien, etwa, dass Ausserirdische die Pyramiden gebaut haben sollen. Diese okkulte Schiene hat ebenfalls in der Römerzeit ihren Ursprung. Weiter ist das Visuelle ganz wichtig: Die ägyptische Kunst spricht uns ästhetisch an. Nicht zuletzt interessieren wir uns für ihre Jenseitsvorstellungen. Ganz verschiedene Aspekte bewirken im Zusammenspiel, dass wir diese Kultur ein stückweit intuitiv verstehen und gleichzeitig ihre Andersartigkeit als stimulierend empfinden.

Darf man das so sagen: War die ägyptische Kultur damals objektiv gesehen eine reichere Kultur als unsere?

Das darf man. Vor 4000 Jahren schrieben die Ägypter bereits Romane, sie hatten wirklich eine Hochkultur. Das war hier nicht der Fall.

Sie haben sich bereits als Jugendliche mit dem antiken Ägypten beschäftigt. Weshalb nicht mit den Pfahlbauern?

Als Kind war ich von allem, was antik war, angezogen. Auch von den Pfahlbauern und den Römern. Mit der Zeit wurden aber die Ägypter immer wichtiger für mich. Am Anfang meines Studiums wurde mir klar, wie attraktiv dieses Fach auch akademisch ist. Es deckt sämtliche Aspekte einer Kultur ab: Sprache, Archäologie, Religionsforschung, Soziologie. In den klassischen Fächern ist das getrennt: Man macht Sprache oder Literatur, Archäologie oder Geschichte. Am Ägyptologie-Studium hat mich besonders interessiert, eine solche Kultur über mehrere Jahrhunderte hinweg bei ihrer Entwicklung beobachten zu können.

Hätten Sie gerne damals gelebt?

Nein, ich glaube nicht.

Warum nicht?

Die Lebenserwartung war sehr kurz. Jede für uns banale Krankheit war damals lebensbedrohlich. Darauf hätte ich keine Lust. Ich projiziere keinerlei romantische Vorstellungen ins damalige Leben! Es gibt ja en masse Menschen, die sich als Reinkarnation aus jener Zeit betrachten. Aber sie sind immer die Reinkarnation von Königen oder Prinzessinnen, niemand empfindet sich als Reinkarnation eines Minenarbeiters.

Aber wenn Sie eine Zeitmaschine geschenkt bekämen, dann würden Sie schon mal einen Ausflug dahin machen?

Ein «Bsüechli», ja, warum nicht?

Sie können die Hieroglyphen lesen. Könnten Sie auch mit den Leuten sprechen?

Wahrscheinlich nur mit einem Stück Papyrus in der Hand. Man weiss nicht, wie diese Sprache ausgesprochen wurde. Wie im heutigen Arabisch werden die Vokale nicht geschrieben, nur die Konsonanten.

Was würden Sie auf Ihrer Zeitreise dorthin gerne herausfinden, was Sie bisher noch nicht herausfinden konnten?

Die Lebensverhältnisse würden mich am meisten interessieren. Und ganz Praktisches: Wie funktioniert ein Tempelkult? Darüber wissen wir zwar viel, aber es mit eigenen Augen zu sehen, wäre etwas anderes.

Wie verändert die Beschäftigung mit dieser anderen Kultur den Blick auf die eigene?

Es schärft den Blick. Man stellt sich andere Fragen, etwa über die Bedeutung von Religion in einer Gesellschaft, die sozialen Verhältnisse, Genderfragen, Machtstrukturen.

Und Frauenrechte? War man im alten Ägypten fortschrittlicher bezüglich Gleichstellung?

Es gab auch Sexismus. In der damaligen Literatur gibt es explizit frauenverachtende Passagen. Gleichzeitig hatten die ägyptischen Frauen das Recht auf eigenen Besitz und dessen Weitergabe. Das ist hierzulande eine sehr junge Errungenschaft. Die Ägypterinnen waren zudem ermächtigt, eine Eheverbindung aufzulösen – zum Teil war das vertraglich geregelt. Sie hatten also Möglichkeiten, die bei uns über 2000 Jahre später wieder verloren gegangen sind. Trotzdem waren Frauen damals wirtschaftlich weitgehend abhängig.

Die Ägypter graben erst seit wenigen Jahren führend mit. Bis heute sind sie oft nur Handlanger, die für ausländische Archäologen Schutt wegschleppen. Fühlt man sich als europäischer Grabungstrupp nicht immer noch ein wenig wie Kolonialherren im 19. Jahrhundert?

Diese Arbeiter sind meistens über Generationen auf Grabungsarbeiten spezialisiert, ihre Erfahrung wird geschätzt. Und ich weiss, wie unglaublich dankbar unsere Mitarbeiter sind, wenn wir kommen. Wenn es sich herumspricht, bekommt unser Vorarbeiter 500 Anrufe von Leuten, die auch gern für uns ausgraben würden. Letztlich können wir nur 30 anstellen. Ausserdem sind immer mehr Ägypter auch im Wissenschaftsteam präsent.

Weiterhin graben viele Teams aus aller Welt in ganz Ägypten. Ist das gut für das Land?

Ich glaube, das ist sehr wichtig. Es geht so vieles kaputt. Die Bevölkerung und damit die Besiedlung wächst rasant, der Klimawandel schreitet schnell voran, überall nimmt die Feuchtigkeit zu. Es ist im Moment wirklich ein «Retten, was gerettet werden kann».

Sind diese Schätze unter der Erde nicht am sichersten?

Solange sie dort bleiben, schon. Aber viele wichtige Stätten werden überpflanzt: Nach dem ersten Bewässern ist alles kaputt. Oder sie werden übersiedelt. An vielen Orten kommt das Grundwasser herauf. Hinzu kommen Raubgrabungen.

Man darf nichts Antikes mehr ausser Landes bringen. Aber hat Ägypten die Mittel, all diese Artefakte zu schützen?

Das ist eine wichtige Frage. Da steht Ägypten vor grossen Herausforderungen. Doch es werden neue Museen und Magazine geschaffen, auch das Grand Egyptian Museum. Viele Artefakte hat man dort tausendfach. Ägypten könnte damit Geld machen, und so manches würde im Ausland mehr geschätzt. Aber es würde sehr kompliziert, das zu regeln. Sicher ist die klare Gesetzgebung, die bestimmt, dass nichts hinaus darf, der beste Schutz vor Missbrauch. Und wir ausländischen Teams müssen die Ägypter dabei unterstützen, die Aufbewahrungs-Magazine so sicher wie möglich zu machen.

Sie und Ihr Team sind auf funeräre Archäologie spezialisiert. Wie ist es für Sie, sich indirekt täglich mit dem Tod zu beschäftigen?

Dieses Thema ist in unserer Gesellschaft marginal geworden; man beschäftigt sich nur mit dem Tod, wenn man direkt betroffen ist. Die alten Ägypter haben sich viel intensiver damit auseinandergesetzt. Weil das Leben so viel fragiler war, der Tod viel präsenter war. Sie haben sich intensiv damit beschäftigt, wie und wo Existenz weiter geht. Aus diesem Bereich wissen wir heute viel. Die in der Wüste angelegten Gräber sind viel besser erhalten als alte Städte. Wir kennen nur wenige Wohnhäuser. Aber wir kennen zahlreiche Grabdekorationen, wissen, was den Leuten mitgegeben worden ist, was für Texte dafür geschrieben worden sind.

Das Hauptziel der alten Ägypter war es, im Jenseits weiterleben zu können. Was haben Sie für eine Jenseitsvorstellung?

Eigentlich keine. Für die Ägypter war ganz klar: Das Leben ist nur der erste Teil einer endlosen Existenz. Doch diese musste man sich durch moralisches Verhalten auf der Welt verdienen.

Und im Diesseits, als Ägyptologin, was erhoffen Sie sich noch zu entdecken?

Es tun sich immer neue Fragen auf. Ich habe keine bestimmte Frage, auf die ich zusteuere. Es geht darum, ein immer präziseres Bild von dieser anderen Kultur zu bekommen.

University of Basel Kings’ Valley Project

Mehr dazu unter www.kv64.ch.

Am 25. Januar eröffnet im Museum in Luxor eine Ausstellung über die Höhepunkte des Basler Forschungsprojekts nach zehn Jahren im Tal der Könige.