Ansgar Kahmen, die Wälder haben sich im zu Ende gehenden Dürresommer schon früh braun und gelb verfärbt. Vertrocknet unser Wald?

Ansgar Kahmen: Nein. Das ist im Wesentlichen nicht der Fall. Unsere Studien zeigen: Bäume haben Mechanismen, um mit Extremsituationen umzugehen.

Die lang anhaltende Trockenheit schadet den Bäumen also nicht?

Doch, aber die Bäume schützen sich vor der Trockenheit: Sie schliessen ihre Poren und werfen ihre Blätter bereits im Sommer ab. Das reduziert eventuell das Wachstum, aber der Baum überlebt. Wichtig ist, dass die Knospen unbeschadet bleiben. Dann werden im Frühling neue Blätter austreiben.

Es gibt jedoch Standorte, an denen sich die Bäume nicht erholen.

Ja, es gibt Bäume, welche die Dürre wohl nicht überstehen werden. Sie stehen jedoch an Standorten, die auch in durchschnittlichen Sommern eher trocken sind. Die Situation hat sich nun verschärft. Für bereits geschwächte Bäume ist das wohl zuviel.

Breiten sich in unseren Breitengraden mediterrane Vegetation aus – wachsen bei uns bald Pinien?

Unsere Wälder werden stark genutzt. Was wächst, entscheiden in erster Linie die Eigentümer und Nutzer. Es dürfte aber schon so sein, dass die Forstwirtschaft immer mehr auf Arten setzt, die mit Trockenheit gut umgehen können.

Nun hatten wir 2003, 2015 und 2018 extrem trockene Sommer. Was geschieht mit dem Wald, wenn sich solche Perioden wiederholen?

Genau das fragen wir uns auch. Eine fundierte Aussage können wir noch keine machen. Ich muss einfach in Erinnerung rufen: Bäume sind robuste Organismen, müssen das sein: Sie können ihren Standort nicht wechseln. Eine Buche – die am stärksten verbreitete Baumart in unseren Wäldern – kann 300 bis 400 Jahre alt werden. Sie muss daher auch mit gelegentlichen Extremereignissen umgehen können. Sonst würde sie niemals so alt werden.

Das Amt für Wald beider Basel sieht die Situation dramatischer als Sie: Es warnt vor vertrockneten Bäumen. Auch vom Institut für angewandte Pflanzenbiologie IAP kommen warnende Stimmen. Was führt zu solch unterschiedlichen Aussagen?

Wir stimmen prinzipiell mit dem Amt für Wald und dem IAP überein, dass der Klimawandel den Wald vor grosse Herausforderungen stellt. Wir beobachten aber, dass unsere Wälder zwar leiden, aber mit dem Stress bis jetzt relativ gut umgehen können. Wir gehen daher nicht davon aus, dass es zu massiven Schäden bei den Laubbäumen kommen wird. Für längerfristige Aussagen braucht es mehr Forschung.

Sie sind auf der Suche nach dem Baum der Zukunft. Ab 2019 betreiben Sie mit einem Team in Hölstein eine Versuchsanlage. Mit einem Regendach wird zwanzig Jahre lang extreme Trockenheit simuliert. Reicht dieser Zeitraum aus?

Wir gehen davon aus, dass man nach zwanzig Jahren brauchbare Erkenntnisse erhält. Etwa darüber, wie die Bäume reagieren, wenn sich die Extremsituation Jahr um Jahr wiederholt, und weniger «normale» Jahrgänge zur Erholung zwischengeschaltet sind.

Welche heimischen Baumarten überstehen Trockenphasen besser als andere?

Zum Beispiel die Eiche und die Elsbeere, das ist eine seltene Laubbaumart, die zu den Rosengewächsen gehört. Langfristig gehen wir davon aus, dass auch die Buche an einigen Standorten ein Problem bekommen wird. Aber genaues wissen wir noch nicht. Weniger gut mit Dürreperioden klar kommen wird aber vor allem die Fichte: Ihr Bestand, davon dürfen wir ausgehen, wird abnehmen.

Buchen können bis zu 400 Jahre überdauern. Gab es in den letzten 400 Jahren sicherlich auch andere extreme Wetterperioden, die sie überlebt haben.

Die gab es mit Sicherheit. Das Jahr 1816 etwa galt als das Jahr ohne Sommer. Es blieb auch in der warmen Jahreshälfte kühl und nass. Solche Ereignisse wirken sich auf den Baum aus und lassen sich zum Beispiel in unterschiedlichen Breiten der Jahrringe zuordnen. Auf Grundlage von solchen vergangenen Ereignissen Aussagen zu tätigen, wie es mit unserem Wald in der Zukunft weitergeht ist jedoch nicht ganz einfach. Dies vor allem, weil es die jetzige Kombination aus hohen Temperaturen, Trockenheit und einer hohen CO2 Konzentration in der Atmosphäre – alles Faktoren, die für einen Baum wichtig sind – so in der jüngeren geologischen Vergangenheit nicht gab.

Im Winter wurde vor dem Eschentrieb-Sterben gewarnt. Hat es einen Zusammenhang mit der Trockenheit?

Das ist ein anderes Phänomen. Das Eschentrieb-Sterben wird von einem eingeschleppten Pilz ausgelöst. Er behindert die Wasserversorgung. Hier kann erstmal kein Zusammenhang mit Trockenheit oder gar dem Klimawandel hergestellt werden. Die aktuelle Trockenheit tut aber den bereits durch den Pilz geschwächten Eschen sicherlich nicht gut, denn sie haben ja ohnehin schon ein Problem mit der Wasserversorgung der Triebspitzen.

Wenn die Sommer tatsächlich immer weniger Regen fällt: Wäre das Wässern von Wäldern eine Lösung?

Ganz sicher nicht. Es bräuchte schlicht zu viel Wasser. Ein Quadratmeter Wald benötigt pro Tag im Schnitt drei bis vier Liter Wasser. Einen Wald zu wässern, wäre zu aufwendig und auch nicht sinnvoll.