Zwanzig Augenpaare suchen Blickkontakt. Die einen fröhlich, andere keck, wieder andere scheu. Sie wecken Neugierde. Wer ist der junge Mensch, der hier fast in Lebensgrösse auf dem Foto abgebildet ist? Was denkt zum Beispiel die junge Frau im roten Pullover, die so herzhaft lacht? Wovon träumt sie? Und ist sie glücklich?

Im Text neben dem Foto erfährt man: Seydina Anastasia möchte eine Weltreise machen. Und sie wartet auf den Moment, in dem sie sich komplett glücklich fühlt – obwohl sie, objektiv gesehen, ein glückliches Leben hat. Vielleicht hat sie das, wonach sie sucht bereits und es einfach noch nicht erkannt. Sie weiss es nicht. Sie fühlt sich unvollständig. Seydina ist 19 Jahre alt, besucht die Fachklasse Grafik, liebt analoge Kameras und den Geruch der Chemikalien im Labor, wenn sie ihre Fotos entwickelt.

Das Foto von Seydina ist Teil der Ausstellung «eins:eins. Jugendliche in Basel». Die Ausstellung im Bellevue ist ein Projekt des Festivals Buch Basel. Sie porträtiert junge Baslerinnen und Basler, ihre Wünsche, Träume und Ängste. Die Ausstellung ist angelehnt an das Fotoprojekt «sea change». Dieses dokumentiert Jugendliche in 13 europäischen Ländern, zeigt, wie sie mit den Folgen der Finanzkrise leben. In Basel ist die Situation etwas anders als in Rumänien, Island oder Grossbritannien. Deshalb ist auch das Projekt anders konzipiert: Statt Profifotografen haben Auszubildende der Schule für Gestaltung Basel die zwanzig Porträtaufnahmen gemacht. Schülerinnen und ein Schüler des Gymnasiums Leonhard haben die Texte geschrieben.

«Ich glaube, die Gesellschaft hat ein vorgefertigtes Bild von den jungen Menschen», sagt Anna Huwyler. Sie hat Seydina fotografiert. Die Jungen hätten keine Zukunftsvision, keine Ziele – das die Vorwürfe. Genau diese Visionen würden aber in der Ausstellung spürbar: «Wenn man den Raum betritt, blicken einem Individuen an», sagt Anna. «Sie strahlen vor Lebensenergie, Wünschen und Hoffnungen.» Keine Spur von «sich einfach mal tragen lassen», findet die junge Fotografin.

Und das findet auch Seydina: «Die Bilder sind so lebensecht, dass man das Gefühl hat, man habe jetzt gerade jemanden kennengelernt.» Bei jedem der zwanzig Fotos von Neuem. Dabei lenkt nichts von den Personen ab. Kein Gegenstand, kein unruhiger Hintergrund. Alle Fotos wurden genau aus diesem Grund im Studio vor dem gleichen schwarzen Hintergrund aufgenommen. Im Vordergrund soll die Person stehen. Nur sie.

Eine spannende Erfahrung

Aber nicht bloss die Bilder sind stark. Durch die Texte kommt man den jungen Menschen noch ein Stück näher, erhascht einen Blick in ihr Inneres, auf ihr bisheriges Leben. «Ich war wahnsinnig beeindruckt, als ich den Text zum ersten Mal gelesen habe», sagt Seydina. «Alice hat mich so gut getroffen.» Alice Descœudres geht am Gymnasium Leonhard zur Schule. Im Ergänzungsfach Philosophie und Deutsch haben die Maturanden die zwanzig Porträts geschrieben.

«Ich kannte Seydina vorher noch nicht», sagt Alice. Die beiden haben sich im Café Mitte getroffen, eineinhalb Stunden hat Alice Fragen gestellt, dann zu Hause den Text geschrieben. Eine spannende Erfahrung: «Die meisten Leute, die ich kenne, sind im Gymi, haben den ganzen Tag Schule», sagt Alice. «Es ist interessant zu sehen, was es sonst noch für Wege gibt und welche unterschiedlichen Geschichten junge Menschen haben.»

«eins:eins. Jugendliche in Basel» Vernissage Samstag, 24. Oktober, 17 Uhr, Bellevue, Breisacherstrasse 50, Basel, Öffnungszeiten: Samstag und Sonntag 11-17 Uhr, Freitag, 6. November, 11-18 Uhr, Finissage Sonntag, 8. November, 17 Uhr