Die Bilanz ist ernüchternd. Seit knapp vier Jahren bieten die Universitären Psychatrischen Kliniken (UPK) eine Präventionstherapie für Pädophile an. Die Idee: Männer mit einer sexuellen Vorliebe für Kinder sollen nicht erst behandelt werden, wenn sie straffällig geworden sind. Die Hoffnung, wonach sich viele Freiwillige melden würden, hat sich nun aber zerschlagen. Lediglich zehn Pädophile haben seit 2014 aus freien Stücken entschieden, sich in Behandlung zu begeben. Henning Hachtel, Leitender Arzt der UPK-Erwachsenforensik, räumt ein, dass er sich vom Pilotprojekt mehr erwünscht hätte. Nicht zuletzt, weil in den Schweizer Medien zum Zeitpunkt der Lancierung breit darüber berichtet wurde.

Die Hemmschwelle ist offenbar grösser als gedacht. Zwar erreichten immerhin
50 Anfragen nach den neuen Therapiemöglichkeiten die UPK. Bei vielen seien dies allerdings nur die Angehörigen gewesen, sagt Hachtel. Dabei hätte die Präventionstherapie eine grosse Klientel. Experten vermuten, dass rund ein Prozent der Männer auf Kinder ausgerichtete sexuelle Fantasien haben. In den beiden Basel leben rein statistisch gesehen somit knapp 2000 Pädophile. Zwar haben die meisten ihren Trieb unter Kontrolle, ein kleiner Teil konsumiert Kinderpornos, noch weniger vergehen sich an Kindern. Trotzdem: Schweizweit wurden im vergangenen Jahr 1300 Kinder Opfer von sexuellen Übergriffen. Und das ist nur die Zahl derjenigen Fälle, die von der Kriminalstatistik erfasst worden sind.

Pädophilie ist nicht heilbar

Leiden tun nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter. Nur scheint der Leidensdruck nicht genügend gross zu sein, sich in die Therapie zu begeben. Das grosse Problem ist das Schamgefühl der Betroffenen. In Basel kommt hinzu: «Die Anonymität ist auf dem Areal der UPK wegen des Zugangsweges zur Forensischen Ambulanz nicht vollständig gewährleistet, das hält wahrscheinlich viele vom Besuch unserer Präventionstherapien ab», sagt Hachtel. Zudem müssen Patienten gegenüber den Krankenkassen ihre Daten offenlegen, wenn sie nicht selber dafür aufkommen wollen. Nur wenn sie selbst bezahlen, haben sie während der Dauer der Therapie Anspruch auf ein Behandlungs-Pseudonym.

Ein Drittel Risikoreduktion

Gut möglich, dass viele Pädophile auch die Hoffnung aufgegeben haben. Denn mit Therapien lassen sich sexuelle Präferenzen nicht ändern und ohne Medikamente nicht eliminieren. Ziel ist deshalb bis heute, das Rückfallrisiko von Straftätern zu senken. Oder im Fall von Basel die Wahrscheinlichkeit zu senken, dass sich die Betroffenen an Kindern vergehen. An den UPK werden seit 1998 Therapien für pädophile Straftäter angeboten. In Gruppen und individuell.

Die Gruppentherapien bieten den Betroffenen die Möglichkeit, sich offen über ihre sexuelle Präferenz zu unterhalten. Sie haben meist keine andere Möglichkeit, sich über ihre Probleme auszutauschen. Die Gruppentherapie mit den sechs bis acht Teilnehmern sei konkreter, konfrontativer und somit oft hilfreicher als Individualtherapien, sagt Henning Hachtel.

«Untereinander erkennen die Leute ihre Denkmuster. Auch gehen sie härter mit sich ins Gericht als wir Therapeuten mit ihnen.» Der Therapieansatz: Die Teilnehmer werden angeregt, über ihre Fantasien und gar ihre Delikte zu sprechen. Dann, um mögliche Straffälligkeiten früh zu unterbinden, wird eruiert, wann die gefährlichen Situationen entstehen. Wie und wo diese Gefahr lauert, ist bei den Einzelnen völlig unterschiedlich. «Bei Einigen wird es gefährlich, wenn sie Beziehungsprobleme haben.

Bei anderen ist zum Beispiel beruflicher Stress problematisch», sagt Hachtel. Daraus lassen sich für die Gruppenteilnehmer Strategien ableiten: Welche Situationen müssen sie vermeiden? Können sie ihre Lust sublimieren und auf etwas anderes wie Sportaktivitäten lenken?

Die Erfolgsquote einer psychotherapeutischen Behandlung liege bei zirka einem Drittel «relativer Risikoreduktion im Vergleich zu unbehandelten Straftätern», schreiben die UPK. Eine solche Erfolgsquote sei genügend gross, diesen Therapieansatz zu rechtfertigen. In schwerwiegenden Fällen hilft aber nur eine medikamentöse Therapie. Auch in Basel werden einigen Patienten mit deren Einverständnis Antidepressiva, in schwereren Fällen gar testosteronhemmende Spritzen verabreicht, einhergehend mit Nebenwirkungen wie Stimmungsschwankungen.

Pläne für Verbesserungen

Das Kernproblem bleibt letztlich, dass viele Pädophile gar nicht erst in diesen Behandlungszyklus kommen. Henning Hachtel sagt, die UPK arbeiteten an Verbesserungen. Der Handlungsspielraum ist, verglichen mit anderen Ländern, gering. In England und Holland werden Pädophilentherapien, die anonym durchgeführt werden, von Stiftungen gedeckt. Solche Lösungen zeichnen sich hierzulande nicht ab – es fehlen schlicht die Geldgeber.

Unklar ist auch, ob die Idee weiterverfolgt wird, die UPK-Direktor Marc Graf vor knapp drei Jahren publik machte. Er wollte für die Pädophilentherapie unscheinbare Aussenstandorte hinzumieten, wo die Patienten unerkannt blieben. Hachtel will dazu nicht Stellung nehmen. Die neuen Ansätze seien «zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht spruchreif».