Mindestens 290 Mal wurden in den letzten fünf Jahren Wikipedia-Seiten von Computern der Basler Verwaltung aus bearbeitet. In den meisten Fällen ist dies nicht heikel und von der Online-Enzyklopädie sogar erwünscht – etwa wenn beim Eintrag des Hotel Hilton hinzugefügt wird, dass es 2016 abgerissen wurde. Oder wenn ein FCB-Fan den Wechsel von Éder Balanta zu den Rot-Blauen meldet.

Heikel wird es dann, wenn eigene Institutionen gezielt in ein besseres Licht gerückt werden. Wenn beispielsweise die Sammlung des Kunstmuseums plötzlich «weltberühmt» wird. Dann werden die Basler Beamten von freiwilligen Wikipedia-Mitarbeitern auch schon mal zurückgepfiffen und getadelt und das Attribut wieder gestrichen. Die Formulierung stammt übrigens nicht von einem heimlichen Kunstfan, sondern wurde wortwörtlich von der Website des Kunstmuseums übernommen – ein weiterer Hinweis, dass es sich um einen gezielten Eingriff handelt.

Der am meisten bearbeitete Eintrag ist jener von Noch-Regierungspräsident Guy Morin. 48 Mal wurde dieser seit 2012 von verwaltungsinternen Computern aus bearbeitet. Ein ganzer Abschnitt wurde 2014 etwa über das von Morin initiierte Statistikgesetz hinzugefügt. «Der Zeitpunkt für die Erarbeitung eines neuen Statistikgesetzes war optimal», steht dazu weiterhin für alle lesbar in Morins Wikipedia-Eintrag.

Zuletzt, nämlich am 11. Januar, wurde der Eintrag zu Thomas Kessler amtlich bearbeitet. Weniger als drei Stunden nachdem bekannt gegeben wurde, dass der Kanton und sein Stadtentwickler künftig getrennte Wege gehen werden, wurde Kesslers Eintrag bereits entsprechend ergänzt. Ein Vorgehen, das von Wikimedia Schweiz nicht nur toleriert, sondern sogar begrüsst wird, wie Vorstandsmitglied Micha Rieser auf Anfrage sagt. «Wenn Verwaltungsmitarbeiter auf Wikipedia Fehler korrigieren oder Einträge in neutraler Sprache durch fehlende Fakten ergänzen, dann freut uns das.» Seine Erfahrung zeige, dass es bei Verwaltungen selten bis nie zu Missbräuchen komme, ganz im Gegensatz zu Firmen oder Politikern, die ihre Einträge manchmal schönzufärben versuchen. «In solchen Fällen werden Seiten gesperrt, sodass sie nicht mehr von allen bearbeitet werden können», sagt Rieser. Das Beispiel mit dem Kunstmuseum sei grenzwertig, wobei es vermutlich eher um ein Nichtverstehen der Grundsätze von Wikipedia gehe als um gezielten Missbrauch. «Es fällt allgemein auf, wie unbeholfen viele PR-Leute mit der Sprache in Wikipedia-Einträgen umgehen, insbesondere in der Schweiz. Es sollte eigentlich allen klar sein, dass der Wikipedia-Eintrag nicht deckungsgleich mit dem eigenen Internetauftritt sein kann, sondern dass die Formulierung in einem Nachschlagewerk neutraler sein sollte.»

Nachtreten via Wikipedia

Nicht toleriert wurde durch Wikipedia hingegen eine Bearbeitung zum Abgang der ehemaligen Direktorin des Historischen Museums Basel, Marie-Paule Jungblut. Ein unbekannter Verwaltungsangestellter ergänzte ihren Rücktritt mit der Bemerkung, dass Jungblut «ein nicht unerhebliches Finanzloch verursacht hat» und dennoch «eine hohe Abgangsentschädigung kassierte». Ein Passus, der von Wikipedia gelöscht und in «Jungblut wurde hinsichtlich der finanziellen Verfassung des Historischen Museums in der Presse kritisiert» umformuliert wurde.

Wer genau hinter den Einträgen steckt, bleibt unbekannt. Beim Bearbeiten der Einträge verstecken sich die Autoren hinter einer IP-Adresse, die jedoch eindeutig der kantonalen Verwaltung zugeordnet werden kann, wie auch Kaspar Sutter vom zuständigen Finanzdepartement bestätigt. «Die Adresse wird von sämtlichen Computern im Basler Verwaltungsnetz verwendet, eine genauere Zuteilung ist nicht möglich.»