200 Tage bei Brot und Wasser, hat Thomas Brunner berechnet, müsste er einsitzen. Denn bezahlen will er die Busse von 20'000 Franken, die sein Verein Shift Mode für Lärmklagen kassiert hat, auf keinen Fall. «Wir arbeiten ehrenamtlich», betont der Leiter der Hafen-Zwischennutzungen, und tunkt sein Brot ins Fondue: «Also sitze ich die Busse im Notfall lieber ab.» Draussen peitscht kalter Regen übers Hafenareal. Drinnen aber ist es – Sauna und Heizung sei Dank – fast heiss. Es ist der erste November und Startschuss zur Wintersaison an der Uferstrasse. «Hafechäs», die Fonduebeiz am Hafen, lädt zur Eröffnung ein. Eigentlich ein Grund zur Freude – doch heuer beschreibt «Hafechäs» die Situation von Shift Mode ziemlich treffend.

Der Neueröffnung droht schon per Ende Monat wieder das Aus. Brunner und seinem Verein steht das Wasser bis zum Hals. Die rechtliche Situation der Lärmbeschwerden habe ihn gezwungen, nach den weitergeleiteten Abmahnungen Konsequenzen zu ziehen. Das heisst: Brunner hat seinen drei Pächtern per Ende November gekündigt. «Notgedrungen, nicht aus freien Stücken» so Brunner, der den Kanton, namentlich die strengen Vorlagen des AUE, Amt für Umwelt und Energie, im Nacken hat.

Ein Horrorszenario, finden alle am Hafen. Eigentlich kann niemand so recht glauben, dass bald alles vorbei sein wird, nach den Jahren an Aufbauarbeit. Dementsprechend wiegeln alle ab. «Wir müssen zuerst schauen, ob die Kündigungen rechtens sind», so der Tenor der Angestellten, die nicht namentlich genannt werden wollen. Betroffen sind alle drei Betriebe: Am meisten die Sommerresidenz die Jonas Berner gehört, der für eine Stellungnahme nicht erreicht werden konnte.

Absurde Situation

Noch absurder scheint die Situation allerdings bei den weiteren zwei Betrieben Patschifig und dem Hafechäs. Beide werden von Wirt Paul Burkart, einem langjährigen Freund Brunners, geleitet. Eigentlich also indirekt von Brunner selbst, so munkelt man. Hat Brunner nun Brunner gekündigt? Klagen da zwei tragende Shift Mode-Säulen gegeneinander? Und geschieht dies in gegenseitigem Einverständnis? «Stell dir vor, du hast ein Hochhaus, und da leben und arbeiten Leute drin. Wenn nun irgendwo einer anruft, und sagt, das Hochhaus macht Lärm, wird nicht unterschieden: Da wohnt Partei A, da Partei B oder C. Es wird einfach das ganze Hochhaus plattgemacht.»

Das ist Burkards Fazit, der mit Brunner und Katja Reichenstein, der Lebenspartnerin von Brunner am Tisch sitzt, und um Fassung ringt. Burkart ist sauer. Aber nicht auf Brunner. Bauchgrimmen bereitet dem deutschen Wirt, der im Sommer das Patschifig schmeisst und im Hafechäs Fondue serviert, die Gesamtsituation. «Es hat an sich alles gut ausgesehen. Wir haben kein Misstrauen gespürt, im Gegenteil.»

Alle Klagen aus derselben Ecke

In der letzten Oktoberwoche tröpfelten plötzlich Verzeigungen rein – drei an der Zahl – die vom August stammen. Drei Abmahnungen, so will es die Abmachung, führen zur Kündigung. «Weil das alles im Nachhinein erst kam, konnten wir gar nicht reagieren!» Dabei sei nicht klar, wann und warum die Beschwerde eingereicht wurde. Das hätte der Jungle Street Groove sein können, aber auch ein Get-together von Jugendlichen wie im Oktober. «Da sassen anscheinend plötzlich 30 Leute vorm Feuer, als wir längst im Bett waren», enerviert sich Burkart, der mitten in der Nacht informiert wurde, auf seinem Betrieb trieben «vermummte Gestalten ihr Unwesen». Er meint dazu: «Der Hafen steht offen. Wir können keine Haftung übernehmen für das, was auf dem Areal nach Feierabend geschieht, da es nicht abgeriegelt werden kann.»

Die Klagen – Klägerin sei dabei vor allem eine Person – treffen dabei immer den Verein als Ganzes. Genauer mag des AUE die Verantwortung nicht aufschlüsseln. Und Shift Mode muss die Ermahnungen weitergeben, bis zur Kündigung. Auch wenn das indirekt nun die eigenen Leute trifft. «Uns bleibt nichts anderes übrig, denn uns sind die Hände gebunden», meint Katja Reichenstein: «Es ist eine unschöne Situation, denn wir haben sicher kein Interesse daran, unsere eigenen Leute rauszuwerfen.»

Dieses Gerücht allerdings machte die letzten Tage die Runde: Shift Mode habe vor, nun die Zwischennutzung ihrer eigenen Leute zu räumen. Ein Vorwurf, den Brunner von sich weist: «Wir sind mit allen unseren Leuten im Gespräch und haben Verständnis, wenn sie rechtlich Einsprache gegen den Entscheid erheben wollen, oder eine Schlichtung anstreben.» So könne eine Kündigung sicher noch eine Saison lang hingezogen werden.

Zerstört dies aber nicht völlig das Vertrauensverhältnis zwischen Hafen-Pächtern und Organisation? «Wir hoffen nicht, denn der Verein Iland auf dem Hafen befindet sich mit der Zwischennutzung Marina in einer ähnlichen Situation wie wir.»

Brunners Meinung nach sei es ein Verhältnisblödsinn, wenn ein derart grosses und vielfältig bespieltes Areal wegen «drei, vier Klagen, die immer aus derselben Ecke kommen» dichtgemacht werden müsste: «Ich rechne darum mit einem provisorischen Weiterbetrieb.» Und wenn es keine Lösung gibt? Brunner nimmt einen Schluck Rotwein, hält inne und sinniert: «Ja, dann wird die Situation wirklich surreal. Dann sitzen wir vielleicht vor einem geschlossenen Hafenareal, und ich sitze eine Strafe ab, von deren konkreter Entstehungsgeschichte ich nichts weiss, und mit der ich nichts zu tun habe.»

Ball liegt bei der Politik

Den schwarzen Peter weitergeben mag er nicht. «Wir sind verantwortlich hier», sagt er, «also stehen wir auch dafür gerade.» Er hofft auf eine Interpellation von Salome Hofer und seine eigenen Anwälte. «Bisher sind wir immer irgendwie durchgekommen.»

Dass die Kündigung seiner eigenen Betriebe eine Art Hütchenspiel sei, gibt er offen zu. «Aber als Verein haben wir keine Wahl. Wir sind die ausführende Hand des Staates, auch wenn uns das nicht behagt, oder wir werden selber haftbar.» Er weist nicht von der Hand, dass dies eine untragbare Situation ist. Ein Schildbürgerstreich? «Wenn es nur einer wäre!» ruft er. Aber die Kontakte zum Quartier seien gut, «es sind Einzelmasken, keine Unterschriftensammler mit Gefolge.» Wer also ist schuld am Hafechäs? «Niemand will den schwarzen Peter bekommen», sind sich Brunner, Reichenstein und Burkart einig. «Wir fühlen uns alle unschuldig an der Situation.» Der Ball liege nun – wie so oft bei Zwischennutzungsfragen, bei den Behörden. Und der Politik.