Wir leben in der «besten aller Welten»: Diesen Eindruck erweckt die aktuelle Wirtschaftslage. Die hiesigen Firmen sind überwiegend gut im Schuss, die konjunkturelle Lage weltweit solide, der Franken hat sich wieder etwas abgeschwächt, was die Exportwirtschaft mit Erleichterung zur Kenntnis nimmt. Und innerhalb der Schweiz hat sich die Region Basel an die Spitze geschwungen und zeigt noch mehr Dynamik als die Genferseeregion oder Zürich. Ja, selbst die Aussichten für 2018 sind gut.

Doch der Philosoph Voltaire hat seine Novelle «Candide oder der Optimismus», aus dem das Zitat von der «besten Welt» stammt, als Satire gegen die Gutgläubigkeit der Menschheit und den Kontrahenten Gottfried Wilhelm Leibniz lanciert. Es ist eben nicht immer «alles zum Besten bestellt», wie Voltaire seinen treuherzigen Candide glauben lässt.

Risiken und Nebenwirkungen

Werfen wir also, allen kurzfristigen positiven Indizien zum Trotz, einen kritischen Blick auf unsere Region:

  1. Es gibt keine Garantie für den Dauererfolg der Leitbranche Pharma/Life Sciences. Bereits heute zeichnet sich ab, dass neue Forschungsansätze die Geschäftsmodelle von Pharma vollständig verändern werden. Medikamente werden künftig, basierend auf Gen-Analyse, vermehrt auf den einzelnen Patienten oder spezifische Patientengruppen zugeschnitten. Diese «Targeted Medicine», «Precision Medicine» oder «personalisierte Medizin» wird nicht mehr die riesigen Stückzahlen und Umsätze ermöglichen, wie das heute beispielsweise mit den Blockbustern Avastin (Roche) oder Glivec (Novartis) möglich ist. Hier gilt es allerdings einzuwenden, dass die reinen Produktionskosten eine relativ geringe Rolle spielen. Wichtiger sind die «Vorarbeiten» wie die Forschung, Entwicklung und die klinischen Tests.
  2. In der Forschung wird Informatik eine immer grössere, wenn nicht sogar dominante Rolle spielen. Was geschieht, wenn Google & Co. Lifescience dominieren wollen und das Feld von der anderen Seite, von der IT-Seite her, aufrollen? Schon heute ist die Börsenbewertung von Google mit 738 Milliarden Dollar mehr als das Dreifache des Roche-Firmenwerts von 213 Milliarden Franken. «Vielleicht heisst die nächste grosse Pharma-Firma Google», sagte Domenico Scala vor Jahresfrist in einem Interview mit der bz.
  3. Aktuell profitieren die forschenden Firmen vom Patentschutz. Mit der Erteilung eines Patents muss die Firma ihr Wissen offenlegen. Wenn sich die Pharmawelt mit der von «Big Data» verzahnt, zeigt ein Problem der neuen Entwicklung: Für Algorithmen gibt es keinen Patentschutz, die Firmen werden diese geheim behalten. Man wird sehen, wie sich die Branche ohne oder mit nur teilweisem Patentschutz neu sortieren kann.
  4. Der Druck auf die teilweise exorbitanten Medikamentenpreise und Margen wird weiter steigen. Die Firmen müssen rechtfertigen können, warum diese Preise so hoch sind. Wirksamkeit, Effizienz und die substanzielle Reduktion von Nebenwirkungen werden zu einem immer wichtigeren Argument.
  5. Die Region hängt stark von der Pharma ab. Derzeit profitiert sie davon. Doch der Wind kann auch drehen.

Wie stark die Firmen, deren Beschäftigte und Zulieferer diese Risiken spüren werden, hängt vor allem davon ab, wie gut die Industrie auf die Herausforderungen reagiert. Wir haben einige Erfahrung damit. Blicken wir auf die vergangenen 35 Jahre zurück, muss man feststellen, dass sie das insgesamt recht gut gemeistert hat.

Die Basler Pharma-Geschichte im Zeitraffer

Doch da blieb fast kein Stein auf dem anderen. Die breit aufgestellten Chemie-Mischkonzerne wurden in hoch spezialisierte Pharmaunternehmen umgebaut. Die «Chemische» und ihre Produktionsbetriebe sind praktisch verschwunden, während Jahren wurden Tausende von Arbeitsplätzen abgebaut. Für viele Familien in der Region war das ein Drama.

Die Sozialpartnerschaft war angespannt, die Akzeptanz der Industrie in Basel schlecht. Mit der Brandkatastrophe in Schweizerhalle sank sie auf einen Tiefpunkt. Doch in der Industrie führte dieser nicht mehr wegzudiskutierende Schock des roten Rheins bis nach Rotterdam und die Millionen toter Fische zu einem neuen Sicherheitsbewusstsein. In den zehn Jahren nach Schweizerhalle holte man vieles nach, so gut, dass 1998 die Genschutz-Initiative, die Gentechnik praktisch verboten hätte, mit einer klaren Zweidrittelmehrheit abgelehnt wurde.

Und dann ging es aufwärts

Auch wirtschaftlich ging es aufwärts. Der Schock der Fusion von Sandoz und Ciba-Geigy war von kurzer Dauer. 1997 gründeten ein paar Forscher von Roche die Firma Actelion. Es ist wohl der erfolgreichste Spin-off der Region, umso mehr, als der Verkauf von Actelion an Johnson & Johnson gerade ein zweites Mal einen Spin-off ermöglichte: Die neue Firma Idorsia konnte mit 400 Spitzenforschern und einer Milliarde Cash an den Start. Eine solche Geschichte klingt nach Silicon Valley, aber nicht nach Bachgraben, Allschwil. Doch gerade dort wird ein weiterer Meilenstein gesetzt: der Schweizerische Innovationspark, Region Basel.

Die Branche hat, wie eingangs erwähnt, eine beinahe unglaubliche Dynamik entwickelt. Roche und Novartis begannen wieder zu investieren. Und zwar nicht nur ein bisschen, sondern Milliarden.

Novartis setzte den Anfang mit den Campus und der Produktion in Stein, es folgten Roche mit Turm 1. Bayer verlegte den Europasitz nach Basel. Straumann legt seit ihrer Krise jährlich einen Zahn zu. Syngenta, heute in chinesischen Händen, schreibt Geschichte durch eine der grössten Übernahmen der Geschichte. Clariant, der Spezialitätenchemiker, produziert hier zwar nichts mehr, sorgt aber in der Branche für Schlagzeilen: Bahnt sich hier, nachdem die Fusion mit Huntsman verhindert wurde, eine neue Übernahme an? Still und leise hat sich Lonza zu einem äusserst erfolgreichen Pharma-Hersteller gemausert. Auch Lonza investiert, und zwar in Labors. In Basel. Dabei sei nicht verschwiegen, dass sowohl Roche und Novartis, die Zugpferde der Entwicklung, in der Region zurzeit insgesamt über 700 Stellen abbauen.

Viele profitieren mit

Vom Schwung profitiert das Gewerbe, allen voran die Bauwirtschaft. Die Hotels sind ausgelastet mit gut zahlenden Geschäftskunden. Es gibt ordentlich zu tun für Architekten, Ingenieure, Lüftungstechniker. Die Beschäftigtenstatistik liefert die Beweise: In Basel stieg die Zahl der Arbeitsplätze in zehn Jahren um 19 000 auf 191 000, im Kanton Baselland um 13 000 auf 148 000. Das sind Einkommen, die in der Region für Wohlstand sorgen.

Das bisherige Erfolgsrezept der Region war, sich dem Wandel zu stellen und die Nase in den Wind halten. Trends riechen. Und dann die Sache anpacken. «Wir müssen unseren Garten bestellen», sagt Candide ernüchtert am Ende von Voltaires Erzählung. Die Welt ist nicht die beste. Und gärtnern vielleicht nicht das Dümmste.