Wie bringt man Physik auf die Bühne ? In ihrer neuen Produktion „„Urknall oder Die Suche nach dem Gottesteilchen" beschäftigt sich die Basler Theatergruppe „Capri Connection" um die Regisseurin Anna-Sophie Mahler mit der Teilchenphysik, vor allem mit der Forschung am CERN.

Gottesteilchen und fehlende Masse

Das Stück basiert auf Gesprächen mit Wissenschaftern vom CERN, aber auch mit einem CERN-Kritiker; „Capri Connection" hat ihre Aussagen zu einer einstündigen Aufführung verdichtet. Vier Schauspieler übernehmen die Rolle der Forscher und versuchen uns deren Ansichten und Einsichten nahe zu bringen. Zwar beginnt der Abend mit einem schönen Theater-Bild, wenn aus einer Seitentür Licht einfällt, Nebenschwaden auf die Spielfläche strömen und Cathrin Störmer im weissen Schutzanzug mit Helm wie ein Alien aus dem Nichts auftaucht.

Doch dann wird die Atmosphäre nüchterner. In einem angedeuteten Konferenzraum, mit Leinwand und Beamer, begrenzt von Stellwänden, erläutern die vier Teilchen-Physiker ihre Fragestellungen, etwa jene nach dem Wesen der Materie und der Masse: Wenn alle Materie aus kleinsten Teilchen besteht, die selber keine Masse haben, woher kommt dann die Masse der Materie ? Wir könnten die Dinge zwar anfassen, erklärt uns die Schauspielerin Susanne Abelein, „doch was Sie anfassen, ist leerer Raum". Hier kommt das sogenannte „Gottesteilchen" ins Spiel, das für die Entstehung von Masse verantwortlich sein soll. Thomas Douglas will es uns auf der Leinwand zeigen, doch das Bild verschwindet sofort wieder, so wie das Teilchen selbst sich den Forschern bisher entzogen hat.

Absurde Komik zum Mitdenken

Später wird über Anti-Materie gesprochen und über Teilchen, die sich, wenn sie beobachtet werden, anders verhalten als sonst. Das ist viel anspruchsvolle Theorie und die Aufführung peppt sie nicht effektvoll auf, sondern lädt in sachbezogenen Kurzreferaten zum Mitdenken ein. Dass das gelingt, liegt einerseits an den exzellenten Schauspielern, etwa Abelein, die ihre forsche Referentin mit feinem Witz haarscharf überzeichnet. Zum andern sind die Erläuterungen oft von absurder Komik. So überlegt Sylvester von Hösslin, ob ein Antimaterie-Apfel gleich schnell vom Antimaterie-Baum fällt wie ein normaler Apfel vom normalen Baum.

Die Forschung führt aber auch zu grundsätzlichen Fragen: Störmer erinnert daran, dass wir Teil des Universums sind und dieses daher nie völlig ergründen können. Später sind wir im CERN selber. An den Wänden hängen nun Fotos vom Innern der Anlage und Douglas muss bei seinen Erläuterungen gegen ein lautes Dröhnen ankämpfen, das zeigt, dass hier eine grosse Maschine arbeitet. - Doch bei all dem bleibt der Blick von „Capri Connection" kritisch. Störmer als Aussenseiterin erklärt, warum eine Anlage wie das CERN nicht risikofrei sein kann, und beim Pausengeplauder der Physiker hinter den Kulissen, das wir mithören, zeigt sich der blinde Technikglaube dieser Kaste etwa in der völligen Verharmlosung der Katastrophe von Fukushima. - Man verlässt das Theater nachdenklich und mit vielen neuen Fragen.