Herr Schiesser, worüber plaudern wir hier in Ihrem schönen Tea Room?

...dem ältesten der Schweiz, notabene! Ich habe den Begriff «Hindernis» gezogen.

Werden Ihnen oft Hindernisse in den Weg gelegt?

Naja, jedem Mensch tun sich hie und da Hindernisse auf, die es zu überwinden gilt. Das ist auch bei mir nicht anders.

An der Bundesfeier vor einem Monat haben Sie sich über ganz spezifische Hindernisse grausam aufgeregt.

Sie meinen die Poller, welche die Polizei am Marktplatz aufgestellt hat, um die Innenstadt zu sichern? Jeder zweite Kunde im Laden hat mich darauf aufmerksam gemacht Ja, und da hat’s mich «verjaggt», ich musste das auf Facebook kundtun.

Der Post hat zu reden gegeben.

Ja, sogar Polizeidirektor Baschi Dürr hat sich bei mir gemeldet, ich solle die Blaulichtorganisation im Interesse der Sicherheit nicht infrage stellen. Ich bin ja für Sicherheit. Aber solche Poller sind doch kein Hindernis, wenn sich ein Attentäter Zugang in die Innenstadt verschaffen will. Insofern sehe ich sie als Verschwendung unserer Steuergelder. Die Betonelemente würden für Basel vollends reichen .

Ich zitiere aus dem Post: «Mir kämpfe, mir spare, mir wüsse bald nümm wyter, do in der Innestadt» – steht es so schlecht um die Confiserie Schiesser?

Nein, im Gegenteil! Meine Frau und ich sind sehr zufrieden. Mit «mir» meine ich die Gewerbler der Innenstadt. Im Moment ist es extrem, wie viele Läden schliessen, gerade kürzlich das Heimatwerk an der Schneidergasse. Wenn ich durch Basel laufe, sehe ich eine Vielzahl leerstehender Läden. Und wenn ein Geschäft vermietet wird, ist es meist eine langweilige Kette. Völlig austauschbar. Die Mietzinse sind für die «Kleinen» einfach zu hoch.

Davon sind Sie nicht betroffen. Ihrer Familie gehört ja sicher dieses Haus?

Nur zum Teil. Den Bereich des Tea Rooms über dem Davidoff-Geschäft haben wir gemietet. Aber ich rede hier ja auch als Grossrat der LDP, der sich für das Gewerbe und die Gastronomie einsetzt.

Inwiefern werden Sie sich einsetzen?

Gegen hohe Mietzinsen kann man leider nichts unternehmen. Aber ich bin überzeugt, dass die Tendenz bald wieder nach unten zeigt. Ich hoffe es zumindest.

Und was ist mit den Pollern?

Dazu ist kein Vorstoss geplant. Ich reiche nicht eine Fülle an Vorstössen ein, äussere mich nicht zu jedem Mist. Im Grossen Rat agiere ich bedacht, denn jeder Vorstoss kostet Steuergelder. Mir geht es um die Sache, ein Vorstoss soll etwas bewirken.

Wo setzen Sie denn an?

Mir geht es vor allem darum, dass die Innenstadt mit geschickten Aktionen belebt wird. Das ist bereits im Gange, unter anderem dank Pro Innerstadt. Ausserdem kämpfe ich weiterhin dafür, dass sich die Parkplatzsituation entschärft.

Was halten Sie davon, dass die Regierung die Tramlinien 8 und 16 in Zukunft nicht mehr über den Marktplatz verkehren lassen will?

Das sehe ich ziemlich entspannt. Mir ist vor allem die Tramlinie 11 wichtig, die bringt sehr gute Kunden in die Innenstadt.

Aus Aesch und Reinach?

Nein. Aus der anderen Richtung, vom Novartis Campus. Nebst unseren Basler Stammgästen gehören Expats und die Mitarbeiter der chemischen Industrie zu unseren besten Kunden. Und Touristen. Seit November 2017 ist unser Tea Room ja auch sonntags geöffnet. Und da hört man sehr oft fremde Sprachen.

Wie läuft der offene Sonntag? Das Ziel von Basel Tourismus ist es ja, dass möglichst viele Restaurants und Cafés geöffnet haben, um Touristen etwas bieten zu können.

Ausserordentlich gut, das zahlt sich aus! Früher verzeichneten wir in heissen Sommern wie diesem oft Umsatzeinbussen. In diesem Jahr hat uns der Sonntag gerettet: Wir profitieren zum Beispiel von den Flusskreuzfahrttouristen, die hier einkehren. Aber auch von Baslern bekommen wir immer wieder schönes Feedback. Und die Mitarbeiterinnen freuen sich besonders: Am Sonntag gibt es mehr Trinkgeld. Wir haben von Anfang an gesagt, dass der Sonntagseinsatz freiwillig ist, dass es kein Müssen ist. Aber mittlerweile wollen alle sonntags arbeiten.

Stören sich die Touristen und Expats nicht an den hohen Preisen? Mit 6.80 Franken für einen Cappuccino schwingen Sie obenauf ...

Nein, es geht nicht nur um den Cappuccino. Unsere Kundschaft geniesst das altehrwürdige Ambiente und den Blick aufs Rathaus. Der hohe Preis geht zu einem Teil auf Miet-, aber hauptsächlich auf Lohnkosten zurück. Wir zahlen anständige Saläre, und das werden wir auch nicht ändern.

Sie sind täglich im Laden und im Tea Room zu sehen. In der Backstube auch. Ein Chrampfer. Machen Sie nie Pause?

Selten. Am Nachmittag nehme ich aber meist frei, in diesem Sommer bin ich mit den beiden Kindern oft ins Joggeli. Die Arbeit ist meine Leidenschaft, ich bin jetzt seit 25 Jahren Geschäftsführer, habe vor 35 Jahren unter meinem Vater hier angefangen, nach der Lehre bei Sprüngli.

Sehen Sie Ihre Kinder genug?

Ja, auf jeden Fall. Ich nehme sie oft in die Backstube mit und dann «pläuscheln» wir ein bisschen. Das gefällt ihnen, und sie streiten bereits darüber, wer von ihnen hier mal übernehmen wird. So härzig (lacht).

Und wer übernimmt dazwischen? Mit 62 Jahren ist das Rentenalter bei Ihnen ja nicht mehr weit weg ...

Meine Frau Rosalba, die 20 Jahre jünger ist als ich, hat bereits offiziell die Geschäftsführung übernommen. Sie steht für die fünfte Generation, ich weiss unsere Confiserie bei ihr in guten Händen. Als ich sie kennenlernte, gehörte sie zu meiner grössten Konkurrenz: Sie war in der Geschäftsleitung der Confiserie Frey tätig.

Dann könnten Sie sich jetzt ja ganz beruhigt mehr Zeit nehmen für die Politik. Wie ist es Ihnen seit Januar 2017 im Grossen Rat ergangen?

Also, ich werde der Confiserie schon noch ein paar Jahre erhalten bleiben! Aber ich finde es gut, dass die Nachfolge geregelt ist. Zum Grossen Rat: Die Akzeptanz dem Gewerbe gegenüber könnte höher sein. Ich werde öfters mal belächelt, das sehe ich als Hindernis. Ich wünsche mir ein engeres Zusammengehen von Pro Innerstadt und dem Gewerbeverband, damit wir eine stärkere Stimme bekommen. Man muss sich mit allen Kräften für die Sache einsetzen. Ich stelle leider fest, dass im Grossen Rat viele primär für sich schauen.

War das nicht schon immer so?

Nein. Vor 25 Jahren sass ich bereits im Grossen Rat. Da haben die Politiker noch richtig um etwas gekämpft, egal, wie gross das Hindernis war.