Unbeholfen. So bezeichnete Pädagogik-Professor Winfried Kronig in der «Schweiz am Wochenende» von vergangener Woche die Massnahmen des Basler Erziehungsdepartements, künftig die Klassendurchschnittsnoten an Sek-Schulen zwischen 4 und 5 zu halten. Forschungen auf dem Gebiet zeigten eindeutig, dass Klassen sehr unterschiedlich leistungsfähig seien und eine künstliche Annäherung der durchschnittlichen Benotung die Willkür bei Zuteilungen erhöhe. 

Verantwortlich für das Noten-Band ist Erziehungsdirektor Conradin Cramer (LDP). Er sagt: «Die Gymnasialquote ist in diesem Jahr von bereits hohen 36 Prozent um neun Prozentpunkte in die Höhe geschnellt. Da musste ich reagieren – und zwar schnell.» Er verstehe, wenn nicht alle Lehrerinnen und Lehrer mit diesem Entscheid einverstanden seien.

Normalerweise suche er den Dialog. «Bei diesem Anstieg aber war der Zeitdruck gross. Noch ein Jahr mit einer 45-Prozent-Quote könnte dazu führen, dass eine Aufnahmeprüfung ans Gymnasium gefordert würde – für mich definitiv die schlechtere Lösung.» Wie die Notenverteilung tatsächlich aussieht, ist bisher nicht an die Öffentlichkeit gedrungen. Dies hat auch seine Gründe: Das Erziehungsdepartement will verhindern, dass einzelne Schulstandorte miteinander verglichen werden können. Dies, weil dadurch die Zuteilung praktisch verunmöglicht würde.

Der Basler Spagat

Um seinen Notenband-Entscheid zu untermauern, nennt Cramer allerdings erstmals Details: «Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass es einzelne Schulen, aber auch innerhalb der Schulen einzelne Fächer gibt, bei denen die Notendurchschnitte unerklärbar hoch sind.» Insgesamt hätten rund 30 Prozent der Klassendurchschnittsnoten auf Fächerebene über 5,0 gelegen, was nach Expertenmeinung nicht realistisch sei. «Mit der Vorgabe, dass Notendurchschnitte pro Klasse und Unterrichtsfach künftig nur in begründeten Ausnahmen unter 4,0 und über 5,0 liegen dürfen, wollen wir die Lehrpersonen für die Bewertung stärker sensibilisieren», sagt er.

Cramer nennt das fiktive Beispiel einer Klasse, die in Französisch einen überdurchschnittlichen Klassenschnitt hat, in allen anderen Fächern aber durchschnittlich abschneidet. «Dafür kann die Detailuntersuchung zwei Gründe liefern: Einerseits könnte es sich um eine zufällige Häufung von Schülern handeln, die bilingue sind – oder es kann ein Indiz dafür sein, dass die Lehrperson ihre Schüler anders bewertet.

Und im zweiten Fall müssten wir handeln.» Als eine weitere Massnahme zur Sensibilisierung der Lehrpersonen bezüglich ihrer eigenen Notengebung schlage das ED den Schulen zum Beispiel vor, dass alle Fachlehrer einmal im Semester dieselbe Prüfung in allen Klassen machen würden. Auch das könne helfen, eine gewisse Objektivierung zu erreichen.

Pädagogik-Professor Kronig hinterfragte im Interview auch die laut Erziehungsdepartement angeblich gute Durchmischung der Basler Sekundarschulen. Er sagte: «Es ist eher die Regel und nicht die Ausnahme, dass dieselbe Leistung in Mathematik oder in den Sprachfächern einmal mit einer ausgezeichneten und einmal mit einer ungenügenden Note bewertet wird.»

Cramer gesteht ein, dass Basel hier einen Spagat vollziehen müsse. Eine komplette Durchmischung müsste am Reissbrett und über die Köpfe der Eltern hinweg entworfen werden. «Es entspricht nicht unserer Tradition, dass wir als Staat sagen, dieses Kind geht ans andere Ende der Stadt und wird jeden Morgen per Bus dorthin verfrachtet. Wir wollen, dass Eltern bei der Schulhauszuteilung mitreden können.» Die Möglichkeit, dass Eltern drei Standortwünsche angeben können und der Kanton dementsprechend zuteilt, sei eine Art schweizerischer Kompromiss, der einerseits Wünsche zulässt und andererseits eine gewisse Durchmischung bringe.